1. Wie stark hängen die EU-Länder am Öl vom Golf?
13,2 % der Importe von Rohöl, Diesel/Heizöl und Kerosin, die die EU-Länder 2025 an Eurostat meldeten, kamen direkt aus Saudi-Arabien, dem Irak, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait, Katar, Bahrain oder dem Iran (eigene Rechnung). Im 2. Quartal 2026 waren es 7,6 %. Hinter dem Mittelwert stehen sehr verschiedene Länder:
- Spitzengruppe: Litauen 45,2 %, Griechenland 42,5 %, Polen 37,0 %. Hier geht es fast nur um Rohöl, vor allem aus Saudi-Arabien und dem Irak.
- Frankreich: 20,1 % insgesamt, beim Kerosin 59,8 %, bei Diesel und Heizöl 33,2 %, beim Rohöl nur 10,1 %.
- Deutschland: 6,0 %; Rohöl 6,3 %, Diesel und Heizöl 7,2 %, Kerosin aus direktem Einkauf 0,0 %. Der größte Golf-Lieferant war der Irak mit 3.810,4 Tausend Tonnen Rohöl (4,7 % der Rohölimporte).
- Österreich: 10,8 % im Jahr 2025, im 2. Quartal 2026 nur noch 1,2 %. Saudi-Arabiens Anteil an den österreichischen Rohölimporten sank von 12,7 % auf 1,7 %.
Die Schweiz steht nicht im Eurostat-Datensatz nrg_ti_oilm und fehlt deshalb im Index. Laut dem Branchenverband Avenergy Suisse kam ihr Rohöl 2025 zu 49,9 % aus den USA und zu 35,4 % aus Nigeria, die Fertigprodukte zu 66,3 % aus Deutschland. Heizöl EL zählt in der Energiestatistik zur Gruppe „Gasöl und Diesel“, steckt hier also in der Diesel-Spalte. Woher das deutsche Öl Land für Land kommt, zeigt Woher kommt Deutschlands Öl?.
2. Welche Länder hängen am meisten am Golf? Die ganze Tabelle
Litauen, Griechenland und Polen bezogen 2025 mehr als ein Drittel ihrer Importe vom Golf, Irland meldete dagegen gar keine direkten Golf-Importe. Die Tabelle zeigt 19 EU-Länder und die Summe aller Meldungen (EU-27), sortiert nach dem Golf-Anteil 2025. Spalte drei nennt den Teil aus Ländern ohne Ausweichroute, Spalte vier den Wert von April bis Juni 2026.
| Land | Golf-Anteil 2025 | davon ohne Ausweichroute | Golf-Anteil 2. Quartal 2026 | Rohöl 2025 | Diesel/Heizöl 2025 | Kerosin 2025 |
|---|---|---|---|---|---|---|
| EU-27 | 13,2 % | 1,4 % | 7,6 % | 12,4 % | 12,1 % | 29,5 % |
| Litauen | 45,2 % | 0,0 % | 33,4 % | 46,9 % | 0,0 % | 0,0 % |
| Griechenland | 42,5 % | 0,6 % | 22,3 % | 43,6 % | 17,3 % | 52,7 % |
| Polen | 37,0 % | 0,0 % | 33,4 % | 47,4 % | 0,0 % | 0,0 % |
| Frankreich | 20,1 % | 4,8 % | 6,2 % | 10,1 % | 33,2 % | 59,8 % |
| Italien | 16,1 % | 0,5 % | 12,2 % | 12,4 % | 55,8 % | 15,2 % |
| Spanien | 11,7 % | 1,5 % | 5,1 % | 10,7 % | 9,4 % | 45,6 % |
| Österreich | 10,8 % | 0,0 % | 1,2 % | 16,0 % | 0,0 % | 0,0 % |
| Niederlande | 10,7 % | 2,5 % | 0,9 % | 9,1 % | 1,8 % | 47,1 % |
| Tschechien | 7,1 % | 0,0 % | 22,8 % | 10,6 % | 0,0 % | 0,0 % |
| Deutschland | 6,0 % | 0,5 % | 2,8 % | 6,3 % | 7,2 % | 0,0 % |
| Slowakei | 5,7 % | 0,0 % | 2,9 % | 7,6 % | 0,0 % | 0,0 % |
| Rumänien | 5,1 % | 0,7 % | 15,8 % | 0,5 % | 22,9 % | 0,0 % |
| Dänemark | 4,6 % | 2,9 % | 0,0 % | 0,0 % | 0,0 % | 45,7 % |
| Belgien | 4,6 % | 1,0 % | 1,2 % | 3,0 % | 8,9 % | 14,3 % |
| Ungarn | 4,2 % | 0,1 % | 19,0 % | 0,0 % | 10,3 % | 1,2 % |
| Portugal | 2,7 % | 2,7 % | 0,0 % | 0,0 % | 0,0 % | 51,3 % |
| Schweden | 1,0 % | 0,8 % | 0,0 % | 0,0 % | 3,5 % | 13,7 % |
| Bulgarien | 0,9 % | 0,5 % | 1,1 % | 0,0 % | 6,0 % | 0,0 % |
| Irland | 0,0 % | 0,0 % | 0,0 % | 0,0 % | 0,0 % | 0,0 % |
GOS-Hormus-Index als CSV herunterladen (UTF-8, Mengen je Land, Produkt und Zeitraum)
So liest du die Werte: Alle Anteile beziehen sich auf die Masse in Tonnen. „0,0 %“ heißt, dass Eurostat keine direkten Lieferungen aus den sieben Staaten verzeichnet. Nicht überall sank der Anteil 2026: Tschechien stieg von 7,1 % auf 22,8 %, Ungarn von 4,2 % auf 19,0 %, Rumänien von 5,1 % auf 15,8 %. Eurostat nennt keine Gründe. Bei kleinen Importmengen verschiebt schon eine einzelne Ladung den Anteil spürbar, deshalb lohnt der Blick auf die Tonnen in der CSV-Datei. Welche Lieferländer hinter den Prozenten stehen, zeigt Importe nach Herkunft im Vergleich.
3. Wie wird der GOS-Hormus-Index berechnet?
Der Index ist ein einfacher Bruch: Importe aus sieben Golfstaaten geteilt durch alle Importe, jeweils in Tausend Tonnen und summiert über Rohöl, Diesel/Gasöl einschließlich Heizöl und Kerosin. Beispiel Deutschland 2025: 6.067,5 von 100.758,8 Tausend Tonnen, das ergibt 6,0 % (eigene Rechnung). Die sieben Staaten sind Saudi-Arabien, Irak, VAE, Kuwait, Katar, Bahrain und Iran, wie in der Gruppe „Persian Gulf“ der US-Energiestatistikbehörde EIA. Oman fehlt bewusst, weil seine Exporthäfen außerhalb der Meerenge liegen.
Kernanteil: Kuwait, Katar, Bahrain und Iran haben keinen Weg an der Straße von Hormus vorbei. Die anderen drei können einen Teil umleiten: Saudi-Arabien über die Ost-West-Pipeline nach Yanbu am Roten Meer, die VAE über eine Leitung nach Fujairah am Golf von Oman, der Irak mit seinen Nordexporten über Ceyhan in der Türkei. Wie viel diese Wege tragen, ist umstritten: Die Internationale Energieagentur (IEA) nennt 3,5 bis 5,5 Mio. Barrel am Tag verfügbare Kapazität, die EIA rund 2,6 Mio. Barrel am Tag, weil sie nur die saudischen und emiratischen Pipelines zählt. Durch die Meerenge flossen 2025 knapp 20 Mio. Barrel am Tag (IEA).
Grenzen und Datenstand: Eurostat erfasst das Lieferland, nicht die Herkunft des Rohöls in einem Produkt. Diesel aus den Niederlanden, Belgien oder Indien kann aus Golf-Rohöl raffiniert sein und zählt hier nicht; der Index misst also die direkte Abhängigkeit. In den Gesamtmengen stecken auch Lieferungen aus anderen EU-Ländern, und die Zeile EU-27 addiert die Ländermeldungen. Nicht enthalten: Finnland (Rohöl 2025 offensichtlich unvollständig), Kroatien (Kerosin im 2. Quartal 2026 fehlt), Luxemburg, Estland, Lettland, Slowenien, Zypern, Malta (nicht abgerufen). Daten: Eurostat nrg_ti_oilm, aktualisiert am 10.09.2026, abgerufen am 23.09.2026; neuester Monat Juni 2026, für Belgien, Österreich und Tschechien Juli.
Zitiervorschlag für einzelne Werte: „GOS-Hormus-Index (Global Oil Shock, eigene Berechnung aus Eurostat nrg_ti_oilm, Stand 23.09.2026): Deutschland 2025: 6,0 %.“
4. Was hat die Sperrung 2026 an den Lieferungen verändert?
Kuwait, Katar, Bahrain und Iran, die Lieferländer ohne Ausweichroute, verschwanden fast ganz aus der Statistik: Ihr Anteil an den Einfuhren der EU-Länder sank von 1,4 % im Jahr 2025 auf 0,2 % im 2. Quartal 2026 (Eurostat, eigene Rechnung). Beispiel Kerosin: Frankreich bezog 2025 noch 2.730 Tausend Tonnen aus Kuwait, im 2. Quartal 2026 null. Sein Golf-Anteil beim Kerosin fiel von 59,8 % auf 12,0 %, größter Lieferant wurden die USA mit 351 Tausend Tonnen.
Saudi-Arabien lieferte dagegen weiter. Polen bezog im 2. Quartal 2026 2.535,8 Tausend Tonnen saudisches Rohöl, 45,3 % seiner Rohölimporte. Das passt zur Route über Yanbu am Roten Meer; den Verladehafen nennt Eurostat allerdings nicht. Italien bezog beim Diesel sogar mehr vom Golf als vorher: 55,8 % im Jahr 2025, 65,7 % im 2. Quartal 2026, allein 60,7 % der Dieselimporte kamen aus Saudi-Arabien.
Beim Rohöl der EU-Länder lag der Golf-Anteil im März 2026 bei 16,0 %, im April bei 7,8 %, im Mai bei 6,0 % und im Juni bei 7,4 % (eigene Rechnung). Deutschland fiel insgesamt von 6,0 % auf 2,8 %, Griechenland von 42,5 % auf 22,3 %.
Zur Lage an der Meerenge selbst: Im März meldete die Internationale Energieagentur (IEA), die Flüsse durch Hormus seien auf weniger als 10 % des Vorkrisenniveaus gefallen (Oil Market Report, 12.03.2026). Im September bezifferte sie den Ausfall beim Rohölexport auf knapp unter 45 % („just below 45%“), gestützt durch mehr Umgehung und US-Geleitschutz (Oil Market Report, 11.09.2026).
5. Warum steigen die Preise, obwohl Europa wenig Golf-Öl kauft?
Weil Öl auf einem Weltmarkt gehandelt wird: Fehlen Asien die Ladungen vom Golf, kaufen asiatische Raffinerien dort ein, wo auch europäische kaufen, obwohl laut Internationaler Energieagentur (IEA) 2025 nur rund 600.000 Barrel am Tag, 4 % der Exporte durch Hormus, nach Europa gingen, aber 80 % nach Asien. China und Indien nahmen allein 44 %. Japan bezog 2025 laut der staatlichen Außenhandelsorganisation JETRO 94,0 % seiner Rohöleinfuhren (Menge) aus dem Nahen Osten. Wie Japan, China, Korea und Indien mit ihren Vorräten umgingen, steht auf Asien: China, Japan, Korea, Indien.
Dass der Index für die EU-Länder mit 13,2 % höher liegt als die 4 % der IEA, ist kein Widerspruch, denn die Zahlen beantworten verschiedene Fragen. Die 4 % sind Europas Anteil an dem, was der Golf durch Hormus verschifft; die 13,2 % sind der Anteil des Golfs an dem, was die EU-Länder einführen. Außerdem zählt der Index Öl aus den sieben Staaten unabhängig vom Verladehafen, also auch über Yanbu, Fujairah oder Ceyhan, und er rechnet in Tonnen statt in Barrel.
Vor dem Preisanstieg schützt die geringe direkte Abhängigkeit also kaum. Brent kostete im März 2026 im Mittel 103 Dollar je Barrel, 32 Dollar mehr als im Februar (US-Energiestatistikbehörde EIA, Short-Term Energy Outlook April 2026). Dated Brent lag im August im Schnitt bei 91,00 Dollar und am 9. September bei 113,48 Dollar (IEA, 11.09.2026). Ob die Freigaben aus den Notvorräten dagegen geholfen haben, prüft Senken Freigaben die Preise?. Wie lange die Vorräte eines Landes bei welchem Ausfall rechnerisch reichen, zeigt der Szenario-Rechner, der die Werte dieses Index als Startwerte nutzt.
Zitiervorschlag: Global Oil Shock (Jörg Dässler), „GOS-Hormus-Index 2026: Wer hängt am Golf-Öl?“, Stand 23.09.2026, https://globaloilshock.com/de/oelreserven/hormus-index/