Ölreserven-Monitor · Chronik

Alle Notfall-Freigaben seit 1991: Wie oft die IEA Öl freigab, wie viel ankam und was die Preise taten

Symbolbild zur Freigabe-Mechanik der IEA: Öl aus Notvorräten fließt aus den Lagern in den Markt

Die Mitgliedsländer der Internationalen Energieagentur (IEA) haben seit 1991 sechsmal gemeinsam Notvorräte freigegeben: 1991, 2005, 2011, zweimal 2022 und am 11. März 2026; die Aktion von 2026 ist mit 426 Millionen zugesagten Barrel laut IEA mit Abstand die größte bisher (IEA, 15. und 19. März 2026). Die beiden Aktionen von 2022 kamen zusammen auf 182,7 Millionen Barrel. Beschlossen heißt nicht geliefert: 1991 verkauften die USA nur 17,3 der genehmigten 33,75 Millionen Barrel. Ob Freigaben die Preise senken, beantwortet die Geschichte uneinheitlich. Hier findest du alle Aktionen mit Menge, Lieferung und Preisreaktion, Stand 23. September 2026.

1. Wie oft hat die IEA Notvorräte freigegeben?

Sechsmal seit 1991: In den Jahren 1991, 2005, 2011, zweimal 2022 und 2026 haben die Mitgliedsländer der IEA gemeinsam Öl aus ihren Notvorräten auf den Markt gebracht (IEA). Das System geht auf das Übereinkommen über ein Internationales Energieprogramm vom 18. November 1974 zurück, das die Mitglieder zu Notvorräten verpflichtet. Wie diese Vorräte in Tagen gezählt werden, erklärt So wird gezählt: die 90-Tage-Regel. Jede Zahl in der Tabelle trägt ihre Quelle; wo sich Quellen widersprechen, stehen beide Werte.

BeschlussAnlassBeschlossene Menge (IEA)US-Anteil und LieferungPreisreaktion laut Quelle
17.01.1991GolfkriegPlan: 2,5 Mio. Barrel pro Tag binnen zwei Wochen, davon 2,0 aus Vorräten33,75 Mio. Barrel über 45 Tage genehmigt, Zuschlag nur für 17,3 Mio. Quellen widersprechen sich: UPI meldete 1 Mio. Barrel pro Tag aus den USA, 33,75 Mio. in 45 Tagen sind 0,75 Mio. pro Tag (eigene Rechnung)Brent-Spot 30,28 $ (16.01.) → 21,10 $ (17.01.), −9,18 $ oder −30 % (eigene Rechnung); in derselben Nacht begannen die Luftangriffe, Wirkung nicht trennbar
02.09.2005Hurrikan Katrina60 Mio. Barrel, 2 Mio. pro Tag über 30 Tage30 Mio. angeboten, 11,0 Mio. verkauft. Notfall-Darlehen, Quellen widersprechen sich: 9,8 Mio. (DOE, CRS R42460) oder rund 13,2 Mio. (CRS RS22233)Rohöl kurz über 70 $, dann fallend; US-Benzin: Rekord von 3,06 $ je Gallone am 05.09., danach 2,75 $
2011Libyen60 Mio. Barrel: 38 aus staatlichen Vorräten, 22 über gelockerte Pflichten der Industrie30 Mio. angeboten, 30,6 Mio. verkauft94,96 $ (22.06.) → 90,70 $ (23.06.) → 95,73 $ (30.06.); Wirkung hielt etwa eine Woche; Sorte vom CRS nicht genannt
01.03.2022Ukraine-Krieg, 1. Aktion62,7 Mio. Barrel30 Mio.Brent erstmals seit 2014 über 100 $; Preise stiegen trotz Freigabe
01.04.2022Ukraine-Krieg, 2. Aktion120 Mio. Barrel (rund 88 Rohöl, 32 Produkte)60 Mio., Teil des US-Programms über 180 Mio.; DOE-Auslieferungen 02.03.2022 bis 01.01.2023: 180.266.185 BarrelUS-Ankündigung am 31.03.: Brent −4,9 % auf 107,91 $, WTI −7,0 % auf 100,28 $; am selben Tag Förderbeschluss der OPEC+
11.03.2026Nahost-Krieg, Hormus-Krise400 Mio. beschlossen, 426 Mio. zugesagt (19.03.)172,2 Mio. als Tauschgeschäfte zugesagt; bis 11.05. rund 35 Mio. geliefert (DOE)ICE Brent +3,6 % auf 90,95 $ (11.03., 14:35 GMT); am 12.03. über 100 $

Mio. = Millionen Barrel; Preise in US-Dollar. Quellen: 1991 UPI (17.01.1991), CRS R42460, EIA (Reihe RBRTED); 2005 CRS RS22233 (03.10.2005), CFR (September 2005); 2011 World Oil (16.09.2011), CRS R42460; 2022 IEA (01. und 14.04.2022), VOA (01.03.2022), S&P Global (31.03.2022); 2026 IEA (12. und 19.03.2026), S&P Global (11.03.2026), Euronews (12.03.2026); US-Mengen DOE (15.09.2025, Jahresbericht 2022, 11.05.2026).

Am besten dokumentiert sind die US-Anteile, weil das US-Energieministerium (DOE) jede Entnahme aus seiner strategischen Reserve auflistet; wie viel Öl alle IEA-Länder 1991 zusammen lieferten, ist nicht belegt. Die Preisspalte zeigt Bewegungen in beide Richtungen, fast immer überlagert von anderen Ereignissen. Frühere Lieferkrisen ordnet das Lexikon unter Ölschock ein.

2. Warum ist die Freigabe von 2026 die größte der Geschichte?

Mit 426 Millionen zugesagten Barrel ist die Aktion vom 11. März 2026 das 2,3-Fache der beiden Aktionen von 2022 zusammen (182,7 Millionen) und das 7,1-Fache der je 60 Millionen von 2005 und 2011 (eigene Rechnung). Beschlossen hatten die Mitglieder am 11. März einstimmig 400 Millionen Barrel (IEA-Ölmarktbericht, 12. März). Die Länderzusagen vom 19. März ergaben 426 Millionen: 280 aus staatlichen Vorräten, 119 aus Pflichtvorräten der Industrie und 28 aus Mehrförderung, zusammen 301 Millionen Barrel Rohöl und 125 Millionen Produkte. Europa sollte überwiegend Fertigprodukte beisteuern (IEA).

Auffällig ist das Gewicht Asiens: Japan und Korea sagten zusammen 102,3 Millionen Barrel zu, 24,0 Prozent der Gesamtmenge (eigene Rechnung aus der IEA-Tabelle). Laut IEA sollte Asien-Ozeanien seine 108,6 Millionen sofort bereitstellen, Amerika und Europa erst ab Ende März. Zwei IEA-Stände weichen voneinander ab: Die Regionalwerte vom 15. März (Amerika 195,8, Asien-Ozeanien 108,6, Europa 107,5 Millionen) ergeben zusammen 411,9 Millionen (eigene Rechnung), die Ländertabelle vom 19. März kommt auf 426 Millionen. Die zehn größten Zusagen:

LandBeitrag (Mio. Barrel)Form laut IEA
USA172,2staatlich, Rohöl (als Tausch)
Japan79,854,0 staatlich + 25,8 Industrie
Kanada23,6Mehrförderung
Südkorea22,5–
Deutschland19,5staatlich (EBV)
Frankreich14,6–
Vereinigtes Königreich14,0Industrie: 4,3 Rohöl + 9,7 Produkte
Türkei11,7–
Spanien11,6Industrie, nur Produkte
Italien10,0–
Summe (alle 30 Länder)426280 staatlich, 119 Industrie, 28 Mehrförderung; 301 Rohöl, 125 Produkte

Deutschland steuerte 19,5 Millionen Barrel aus den Vorräten des Erdölbevorratungsverbands (EBV) bei, Österreich 2,4 Millionen aus staatlichen Beständen; die Schweiz steht nicht in der IEA-Tabelle. Alle Länderbeiträge zeigt IEA-Freigabe 2026: wer was gab.

3. Kommt die beschlossene Menge auch auf den Markt?

Nicht immer: 1991 genehmigten die USA 33,75 Millionen Barrel und nahmen nur für 17,3 Millionen Gebote an, 2005 boten sie 30 Millionen an und verkauften 11,0 Millionen (CRS R42460, DOE). Das sind 51,3 Prozent der genehmigten und 36,7 Prozent der angebotenen Menge (eigene Rechnung). Die US-Reserve verkauft per Ausschreibung, eine Ankündigung ist also eine Obergrenze und keine Lieferzusage. 2011 lief es umgekehrt: Bei 30 Millionen Barrel Angebot wurden 30,6 Millionen verkauft, und IEA-weit wurden laut World Oil 97 Prozent der angebotenen staatlichen Vorräte abgenommen (16. September 2011). Die Lieferungen aus staatlichen Reserven von 2022 waren bis Ende 2022 abgeschlossen (IEA, 22. Juni 2023).

2026 ist die Bilanz noch offen. Bis zum 21. Juli hatten die IEA-Länder rund 290 Millionen Barrel freigegeben (IEA), die europäischen Länder laut S&P Global bis Juli 63 Millionen (28. Juli). In Deutschland bot der EBV laut t-online (28. April) als erste Tranche 600.000 Tonnen an, davon 400.000 Tonnen Rohöl, 150.000 Tonnen Diesel und 50.000 Tonnen Kerosin; laut dpa nahm der Markt sie nahezu vollständig auf (18. Juni). Zugesagt waren laut dpa und Reuters 2,64 bis 2,65 Millionen Tonnen, also 19,5 Millionen Barrel. In Österreich bot die Erdöl-Lagergesellschaft (ELG) der OMV bis zu 325.000 Tonnen Rohöl an, gekauft wurden 56.000 Tonnen (Parlamentskorrespondenz, 25. März und 3. September). Was an Rückgabe und Nachkauf folgt, beschreibt Wiederauffüllung 2027.

4. Welche Freigaben gab es außerhalb der IEA?

Neben den sechs IEA-Aktionen hat die US-Reserve SPR immer wieder einzelnen Firmen Öl geliehen, etwa nach Hurrikans oder Pipeline-Ausfällen; das DOE listet diese Notfall-Tauschgeschäfte in seiner Chronik (Stand 15. September 2025). Die Firma leiht sich Rohöl und gibt es später zurück; nach diesem Muster lief 2026 auch der US-Beitrag zur IEA-Aktion, dort mit zusätzlichen Prämien-Barrel. Tauschgeschäfte gab es auch nach den Hurrikans Gustav und Ike 2008 und Harvey 2017. 2012 gab es keinen Notverkauf, nur den Tausch nach Hurrikan Isaac.

JahrAnlassMenge laut DOE
2005Hurrikan Katrina, Notfall-Darlehen9,8 Mio. Barrel
2012Hurrikan Isaac, Tausch mit Marathon1,0 Mio. Barrel
2021Hurrikan Ida3,3 Mio. Barrel
November 2021Tausch, Teil einer Ankündigung über 50 Mio. Barrel32,0 Mio. Barrel
Dezember 2022Keystone-Pipeline1,8 Mio. Barrel
Juli 2025Tausch mit ExxonMobil0,5 Mio. Barrel

Quelle: DOE, History of SPR Releases (15.09.2025). Für 2005 nennt CRS RS22233 (03.10.2005) rund 13,2 Mio. Barrel Darlehen an sieben Firmen.

Auch Deutschland gab schon außerhalb der IEA frei: Der EBV nennt neben der Golfkrise 1990/91, Katrina 2005, Libyen 2011 und dem März 2022 auch das Rhein-Niedrigwasser 2018 (EBV, Stand März 2026). Die Verordnung vom 17. März 2026 heißt „Sechste Verordnung über die Freigabe von Vorräten des Erdölbevorratungsverbandes“ (BGBl. I 2026 Nr. 71); sie galt laut dpa bis 31. August, eine Verlängerung haben wir nicht gefunden. Die Schweiz erlaubte vom 8. bis 20. September 2026 Bezüge von bis zu 30.000 Kubikmetern Diesel und 30.000 Kubikmetern Benzin aus Pflichtlagern, weil die Raffinerie Cressier stillstand und der Rhein wenig Wasser führte; eine IEA-Aktion war das nicht, und hohe Energiepreise sind laut Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung kein Grund für eine Freigabe (8. September). Wie voll die US-Reserve heute ist, zeigt USA: Füllstand der SPR.

5. Was lehrt die Geschichte über den Ölpreis nach einer Freigabe?

Eine verlässliche Preissenkung zeigt die Geschichte nicht: Rund um die Beschlüsse fielen die Preise 1991, 2011 und am 31. März 2022, sie stiegen am 1. März 2022 und am 11. März 2026, und fast immer liefen andere Ereignisse parallel. 1991 begann in derselben Nacht der Luftkrieg, am 31. März 2022 fasste die OPEC+ einen Förderbeschluss, 2026 überlagerten laut Euronews iranische Angriffe die Rekordfreigabe. Im März 2026 kostete Brent im Schnitt 103 Dollar, 32 Dollar mehr als im Februar (EIA, 7. April).

Die Forschung kommt zu unterschiedlichen Ergebnissen. Kilian und Zhou (Dallas Fed, 2019) schätzen die Wirkung früherer US-Freigaben auf den realen Ölpreis auf weniger als 2 Dollar je Barrel im Golfkrieg, rund 3 Dollar nach Katrina und etwa 12 Dollar 2011; ihre Methode kann Effekte unterschätzen, wenn die Ankündigung vor der Lieferung liegt. Das US-Finanzministerium bezifferte die Entlastung durch die Freigaben 2022 auf 17 bis 42 US-Cent je Gallone Benzin (26. Juli 2022). Razek, Galvani, Rajan und McQuinn halten es dagegen für wahrscheinlich, dass die Entnahmen 2022 Panik auslösten und die Benzinpreise mit nach oben trieben (Resources Policy, 2023). Die IEA selbst sieht Freigaben nicht als Preisinstrument, sondern als Mittel gegen die wirtschaftlichen Folgen eines Angebotsschocks (IEA, 16. November 2022).

Auch in Berlin gehen die Einschätzungen auseinander: Eine Freigabe, um die Ölpreise zu beeinflussen, sei „nicht vorgesehen“, hieß es 2023 aus der Bundesregierung (hib, 27. Dezember 2023); Wirtschaftsministerin Reiche sagte dagegen im März 2026 laut NWZ, „wir gehen definitiv von einem dämpfenden Effekt aus“. Alle Studien im Detail: Senken Freigaben die Preise?

Zitiervorschlag: Global Oil Shock (Jörg Dässler), „IEA-Ölfreigaben seit 1991: alle sechs im Vergleich“, Stand 23.09.2026, https://globaloilshock.com/de/oelreserven/freigaben-chronik/

6. Häufige Fragen zur Geschichte der Ölfreigaben

Wie oft hat die IEA Ölreserven freigegeben?
Sechsmal seit 1991: im Golfkrieg 1991, nach Hurrikan Katrina 2005, wegen Libyen 2011, zweimal 2022 im Ukraine-Krieg und am 11. März 2026 in der Hormus-Krise (IEA).
Welche Freigabe war die größte?
Die von 2026: 400 Millionen Barrel beschlossen, 426 Millionen zugesagt. Das ist das 2,3-Fache der 182,7 Millionen Barrel, die 2022 in zwei Aktionen zusammenkamen (IEA; Verhältnis eigene Rechnung).
Wird die beschlossene Menge immer geliefert?
Nein. 1991 verkauften die USA nur 17,3 von 33,75 Millionen Barrel, 2005 nur 11,0 von 30 Millionen; 2011 waren es 30,6 von 30 Millionen. 2026 waren bis 21. Juli rund 290 der 426 Millionen Barrel freigegeben (CRS, DOE, IEA).
Wie oft hat Deutschland Ölreserven freigegeben?
Laut EBV in der Golfkrise 1990/91, 2005, 2011, 2018 wegen Rhein-Niedrigwasser und im März 2022. 2026 folgte die sechste Freigabeverordnung; der deutsche IEA-Beitrag betrug 19,5 Millionen Barrel.
Sinkt der Ölpreis nach einer Freigabe?
Nicht verlässlich. Kilian und Zhou schätzen für frühere US-Freigaben unter 2 bis etwa 12 Dollar je Barrel, das US-Finanzministerium für 2022 17 bis 42 US-Cent je Gallone; eine Studie von 2023 sieht 2022 eher Panikeffekte. Die IEA versteht Freigaben nicht als Preisinstrument.
Was ist ein Tauschgeschäft aus der US-Reserve?
Die SPR verleiht Rohöl an Firmen, die es später zurückgeben, 2026 mit zusätzlichen Prämien-Barrel. So lief der US-Beitrag von 172,2 Millionen Barrel, und so half das DOE zum Beispiel nach Hurrikan Ida 2021 mit 3,3 Millionen Barrel aus (DOE).

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