1. Wie oft hat die IEA Notvorräte freigegeben?
Sechsmal seit 1991: In den Jahren 1991, 2005, 2011, zweimal 2022 und 2026 haben die Mitgliedsländer der IEA gemeinsam Öl aus ihren Notvorräten auf den Markt gebracht (IEA). Das System geht auf das Übereinkommen über ein Internationales Energieprogramm vom 18. November 1974 zurück, das die Mitglieder zu Notvorräten verpflichtet. Wie diese Vorräte in Tagen gezählt werden, erklärt So wird gezählt: die 90-Tage-Regel. Jede Zahl in der Tabelle trägt ihre Quelle; wo sich Quellen widersprechen, stehen beide Werte.
| Beschluss | Anlass | Beschlossene Menge (IEA) | US-Anteil und Lieferung | Preisreaktion laut Quelle |
|---|---|---|---|---|
| 17.01.1991 | Golfkrieg | Plan: 2,5 Mio. Barrel pro Tag binnen zwei Wochen, davon 2,0 aus Vorräten | 33,75 Mio. Barrel über 45 Tage genehmigt, Zuschlag nur für 17,3 Mio. Quellen widersprechen sich: UPI meldete 1 Mio. Barrel pro Tag aus den USA, 33,75 Mio. in 45 Tagen sind 0,75 Mio. pro Tag (eigene Rechnung) | Brent-Spot 30,28 $ (16.01.) → 21,10 $ (17.01.), −9,18 $ oder −30 % (eigene Rechnung); in derselben Nacht begannen die Luftangriffe, Wirkung nicht trennbar |
| 02.09.2005 | Hurrikan Katrina | 60 Mio. Barrel, 2 Mio. pro Tag über 30 Tage | 30 Mio. angeboten, 11,0 Mio. verkauft. Notfall-Darlehen, Quellen widersprechen sich: 9,8 Mio. (DOE, CRS R42460) oder rund 13,2 Mio. (CRS RS22233) | Rohöl kurz über 70 $, dann fallend; US-Benzin: Rekord von 3,06 $ je Gallone am 05.09., danach 2,75 $ |
| 2011 | Libyen | 60 Mio. Barrel: 38 aus staatlichen Vorräten, 22 über gelockerte Pflichten der Industrie | 30 Mio. angeboten, 30,6 Mio. verkauft | 94,96 $ (22.06.) → 90,70 $ (23.06.) → 95,73 $ (30.06.); Wirkung hielt etwa eine Woche; Sorte vom CRS nicht genannt |
| 01.03.2022 | Ukraine-Krieg, 1. Aktion | 62,7 Mio. Barrel | 30 Mio. | Brent erstmals seit 2014 über 100 $; Preise stiegen trotz Freigabe |
| 01.04.2022 | Ukraine-Krieg, 2. Aktion | 120 Mio. Barrel (rund 88 Rohöl, 32 Produkte) | 60 Mio., Teil des US-Programms über 180 Mio.; DOE-Auslieferungen 02.03.2022 bis 01.01.2023: 180.266.185 Barrel | US-Ankündigung am 31.03.: Brent −4,9 % auf 107,91 $, WTI −7,0 % auf 100,28 $; am selben Tag Förderbeschluss der OPEC+ |
| 11.03.2026 | Nahost-Krieg, Hormus-Krise | 400 Mio. beschlossen, 426 Mio. zugesagt (19.03.) | 172,2 Mio. als Tauschgeschäfte zugesagt; bis 11.05. rund 35 Mio. geliefert (DOE) | ICE Brent +3,6 % auf 90,95 $ (11.03., 14:35 GMT); am 12.03. über 100 $ |
Mio. = Millionen Barrel; Preise in US-Dollar. Quellen: 1991 UPI (17.01.1991), CRS R42460, EIA (Reihe RBRTED); 2005 CRS RS22233 (03.10.2005), CFR (September 2005); 2011 World Oil (16.09.2011), CRS R42460; 2022 IEA (01. und 14.04.2022), VOA (01.03.2022), S&P Global (31.03.2022); 2026 IEA (12. und 19.03.2026), S&P Global (11.03.2026), Euronews (12.03.2026); US-Mengen DOE (15.09.2025, Jahresbericht 2022, 11.05.2026).
Am besten dokumentiert sind die US-Anteile, weil das US-Energieministerium (DOE) jede Entnahme aus seiner strategischen Reserve auflistet; wie viel Öl alle IEA-Länder 1991 zusammen lieferten, ist nicht belegt. Die Preisspalte zeigt Bewegungen in beide Richtungen, fast immer überlagert von anderen Ereignissen. Frühere Lieferkrisen ordnet das Lexikon unter Ölschock ein.
2. Warum ist die Freigabe von 2026 die größte der Geschichte?
Mit 426 Millionen zugesagten Barrel ist die Aktion vom 11. März 2026 das 2,3-Fache der beiden Aktionen von 2022 zusammen (182,7 Millionen) und das 7,1-Fache der je 60 Millionen von 2005 und 2011 (eigene Rechnung). Beschlossen hatten die Mitglieder am 11. März einstimmig 400 Millionen Barrel (IEA-Ölmarktbericht, 12. März). Die Länderzusagen vom 19. März ergaben 426 Millionen: 280 aus staatlichen Vorräten, 119 aus Pflichtvorräten der Industrie und 28 aus Mehrförderung, zusammen 301 Millionen Barrel Rohöl und 125 Millionen Produkte. Europa sollte überwiegend Fertigprodukte beisteuern (IEA).
Auffällig ist das Gewicht Asiens: Japan und Korea sagten zusammen 102,3 Millionen Barrel zu, 24,0 Prozent der Gesamtmenge (eigene Rechnung aus der IEA-Tabelle). Laut IEA sollte Asien-Ozeanien seine 108,6 Millionen sofort bereitstellen, Amerika und Europa erst ab Ende März. Zwei IEA-Stände weichen voneinander ab: Die Regionalwerte vom 15. März (Amerika 195,8, Asien-Ozeanien 108,6, Europa 107,5 Millionen) ergeben zusammen 411,9 Millionen (eigene Rechnung), die Ländertabelle vom 19. März kommt auf 426 Millionen. Die zehn größten Zusagen:
| Land | Beitrag (Mio. Barrel) | Form laut IEA |
|---|---|---|
| USA | 172,2 | staatlich, Rohöl (als Tausch) |
| Japan | 79,8 | 54,0 staatlich + 25,8 Industrie |
| Kanada | 23,6 | Mehrförderung |
| Südkorea | 22,5 | – |
| Deutschland | 19,5 | staatlich (EBV) |
| Frankreich | 14,6 | – |
| Vereinigtes Königreich | 14,0 | Industrie: 4,3 Rohöl + 9,7 Produkte |
| Türkei | 11,7 | – |
| Spanien | 11,6 | Industrie, nur Produkte |
| Italien | 10,0 | – |
| Summe (alle 30 Länder) | 426 | 280 staatlich, 119 Industrie, 28 Mehrförderung; 301 Rohöl, 125 Produkte |
Deutschland steuerte 19,5 Millionen Barrel aus den Vorräten des Erdölbevorratungsverbands (EBV) bei, Österreich 2,4 Millionen aus staatlichen Beständen; die Schweiz steht nicht in der IEA-Tabelle. Alle Länderbeiträge zeigt IEA-Freigabe 2026: wer was gab.
3. Kommt die beschlossene Menge auch auf den Markt?
Nicht immer: 1991 genehmigten die USA 33,75 Millionen Barrel und nahmen nur für 17,3 Millionen Gebote an, 2005 boten sie 30 Millionen an und verkauften 11,0 Millionen (CRS R42460, DOE). Das sind 51,3 Prozent der genehmigten und 36,7 Prozent der angebotenen Menge (eigene Rechnung). Die US-Reserve verkauft per Ausschreibung, eine Ankündigung ist also eine Obergrenze und keine Lieferzusage. 2011 lief es umgekehrt: Bei 30 Millionen Barrel Angebot wurden 30,6 Millionen verkauft, und IEA-weit wurden laut World Oil 97 Prozent der angebotenen staatlichen Vorräte abgenommen (16. September 2011). Die Lieferungen aus staatlichen Reserven von 2022 waren bis Ende 2022 abgeschlossen (IEA, 22. Juni 2023).
2026 ist die Bilanz noch offen. Bis zum 21. Juli hatten die IEA-Länder rund 290 Millionen Barrel freigegeben (IEA), die europäischen Länder laut S&P Global bis Juli 63 Millionen (28. Juli). In Deutschland bot der EBV laut t-online (28. April) als erste Tranche 600.000 Tonnen an, davon 400.000 Tonnen Rohöl, 150.000 Tonnen Diesel und 50.000 Tonnen Kerosin; laut dpa nahm der Markt sie nahezu vollständig auf (18. Juni). Zugesagt waren laut dpa und Reuters 2,64 bis 2,65 Millionen Tonnen, also 19,5 Millionen Barrel. In Österreich bot die Erdöl-Lagergesellschaft (ELG) der OMV bis zu 325.000 Tonnen Rohöl an, gekauft wurden 56.000 Tonnen (Parlamentskorrespondenz, 25. März und 3. September). Was an Rückgabe und Nachkauf folgt, beschreibt Wiederauffüllung 2027.
4. Welche Freigaben gab es außerhalb der IEA?
Neben den sechs IEA-Aktionen hat die US-Reserve SPR immer wieder einzelnen Firmen Öl geliehen, etwa nach Hurrikans oder Pipeline-Ausfällen; das DOE listet diese Notfall-Tauschgeschäfte in seiner Chronik (Stand 15. September 2025). Die Firma leiht sich Rohöl und gibt es später zurück; nach diesem Muster lief 2026 auch der US-Beitrag zur IEA-Aktion, dort mit zusätzlichen Prämien-Barrel. Tauschgeschäfte gab es auch nach den Hurrikans Gustav und Ike 2008 und Harvey 2017. 2012 gab es keinen Notverkauf, nur den Tausch nach Hurrikan Isaac.
| Jahr | Anlass | Menge laut DOE |
|---|---|---|
| 2005 | Hurrikan Katrina, Notfall-Darlehen | 9,8 Mio. Barrel |
| 2012 | Hurrikan Isaac, Tausch mit Marathon | 1,0 Mio. Barrel |
| 2021 | Hurrikan Ida | 3,3 Mio. Barrel |
| November 2021 | Tausch, Teil einer Ankündigung über 50 Mio. Barrel | 32,0 Mio. Barrel |
| Dezember 2022 | Keystone-Pipeline | 1,8 Mio. Barrel |
| Juli 2025 | Tausch mit ExxonMobil | 0,5 Mio. Barrel |
Quelle: DOE, History of SPR Releases (15.09.2025). Für 2005 nennt CRS RS22233 (03.10.2005) rund 13,2 Mio. Barrel Darlehen an sieben Firmen.
Auch Deutschland gab schon außerhalb der IEA frei: Der EBV nennt neben der Golfkrise 1990/91, Katrina 2005, Libyen 2011 und dem März 2022 auch das Rhein-Niedrigwasser 2018 (EBV, Stand März 2026). Die Verordnung vom 17. März 2026 heißt „Sechste Verordnung über die Freigabe von Vorräten des Erdölbevorratungsverbandes“ (BGBl. I 2026 Nr. 71); sie galt laut dpa bis 31. August, eine Verlängerung haben wir nicht gefunden. Die Schweiz erlaubte vom 8. bis 20. September 2026 Bezüge von bis zu 30.000 Kubikmetern Diesel und 30.000 Kubikmetern Benzin aus Pflichtlagern, weil die Raffinerie Cressier stillstand und der Rhein wenig Wasser führte; eine IEA-Aktion war das nicht, und hohe Energiepreise sind laut Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung kein Grund für eine Freigabe (8. September). Wie voll die US-Reserve heute ist, zeigt USA: Füllstand der SPR.
5. Was lehrt die Geschichte über den Ölpreis nach einer Freigabe?
Eine verlässliche Preissenkung zeigt die Geschichte nicht: Rund um die Beschlüsse fielen die Preise 1991, 2011 und am 31. März 2022, sie stiegen am 1. März 2022 und am 11. März 2026, und fast immer liefen andere Ereignisse parallel. 1991 begann in derselben Nacht der Luftkrieg, am 31. März 2022 fasste die OPEC+ einen Förderbeschluss, 2026 überlagerten laut Euronews iranische Angriffe die Rekordfreigabe. Im März 2026 kostete Brent im Schnitt 103 Dollar, 32 Dollar mehr als im Februar (EIA, 7. April).
Die Forschung kommt zu unterschiedlichen Ergebnissen. Kilian und Zhou (Dallas Fed, 2019) schätzen die Wirkung früherer US-Freigaben auf den realen Ölpreis auf weniger als 2 Dollar je Barrel im Golfkrieg, rund 3 Dollar nach Katrina und etwa 12 Dollar 2011; ihre Methode kann Effekte unterschätzen, wenn die Ankündigung vor der Lieferung liegt. Das US-Finanzministerium bezifferte die Entlastung durch die Freigaben 2022 auf 17 bis 42 US-Cent je Gallone Benzin (26. Juli 2022). Razek, Galvani, Rajan und McQuinn halten es dagegen für wahrscheinlich, dass die Entnahmen 2022 Panik auslösten und die Benzinpreise mit nach oben trieben (Resources Policy, 2023). Die IEA selbst sieht Freigaben nicht als Preisinstrument, sondern als Mittel gegen die wirtschaftlichen Folgen eines Angebotsschocks (IEA, 16. November 2022).
Auch in Berlin gehen die Einschätzungen auseinander: Eine Freigabe, um die Ölpreise zu beeinflussen, sei „nicht vorgesehen“, hieß es 2023 aus der Bundesregierung (hib, 27. Dezember 2023); Wirtschaftsministerin Reiche sagte dagegen im März 2026 laut NWZ, „wir gehen definitiv von einem dämpfenden Effekt aus“. Alle Studien im Detail: Senken Freigaben die Preise?
Zitiervorschlag: Global Oil Shock (Jörg Dässler), „IEA-Ölfreigaben seit 1991: alle sechs im Vergleich“, Stand 23.09.2026, https://globaloilshock.com/de/oelreserven/freigaben-chronik/