Ölreserven-Monitor · Deutschland

Ölreserven in Deutschland: wie lange sie reichen, wer sie hält und wer sie bezahlt

Symbolbild: Lager der deutschen Erdölbevorratung beim EBV

Deutschlands Notfallvorräte an Öl reichten im Juni 2026 für 91,7 Tage Nettoimporte, nach 95,2 Tagen im März vor der IEA-Freigabe (Eurostat, Datensatz vom 10. September 2026). Gehalten werden sie vom Erdölbevorratungsverband (EBV): 19,7 Millionen Tonnen Rohöläquivalent am 31. Dezember 2025, das Rohöl vor allem in Salzkavernen in Norddeutschland. Hier liest du, was Deutschland 2026 freigegeben hat und was davon abgeholt wurde, was dich die Reserve je Liter kostet, welche Gesetze bei einem echten Engpass greifen und wie Österreich und die Schweiz ihre Vorräte organisieren.

1. Wer hält die deutsche Ölreserve, und wie groß ist sie?

Die deutsche Ölreserve hält der Erdölbevorratungsverband (EBV), eine bundesunmittelbare Körperschaft unter Aufsicht des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWE); am 31. Dezember 2025 lagen dort 19,7 Millionen Tonnen Rohöläquivalent (EBV, Stand März 2026). Anders als in Frankreich oder Großbritannien halten die Mineralölfirmen keine eigenen Pflichtvorräte: Der EBV ist seit 1998 alleiniger Halter. Nach § 3 Erdölbevorratungsgesetz (ErdölBevG) muss er 90 Tage der Nettoimporte decken, gemessen am Schnitt der letzten drei Jahre oder am letzten Jahr, je nachdem, was höher ist; das Bevorratungsjahr läuft vom 1. April bis 31. März. Mindestens 90 Prozent der Bestände besitzt der EBV selbst, und jede der fünf Versorgungsregionen muss mindestens 15 Tage abdecken.

Vorrat beim EBV, 31.12.2025Mio. t Rohöläquivalent
Rohöl10,8
Diesel4,5
Benzin1,7
Heizöl EL1,5
Kerosin (Jet A-1)1,2
Summe19,7 (31.03.2025: 19,9)

Eigene Anlagen des EBV sind vor allem große Salzkavernen, dazu zwei Tanklager (EBV, März 2026). Die Kavernen liegen an vier Standorten: Wilhelmshaven-Rüstringen, Bremen-Lesum, Sottorf und Heide; Produkte lagern zusätzlich in vertraglich gebundenen Tanklagern im ganzen Land (EBV-Geschäftsbericht 2024/2025). Größter Standort ist laut NWZ Wilhelmshaven mit 39 Kavernen, 11 Millionen Kubikmetern Kapazität und rund 10 Millionen Tonnen Rohöl. Was eine staatliche Reserve grundsätzlich leisten soll, erklärt das Lexikon unter Strategische Reserve.

2. Wie lange reichen die Ölreserven in Deutschland?

Nach der EU-Zählweise reichten die deutschen Notfallvorräte im Juni 2026 für 91,7 Tage Nettoimporte, 3,5 Tage weniger als im März (Eurostat; Differenz eigene Rechnung). Der Märzwert von 95,2 Tagen ist der letzte Stand vor der Freigabe; neuere Monate hat Eurostat für Deutschland noch nicht veröffentlicht. „Tage“ heißt nicht, dass nach 91 Tagen alles leer ist. Gemeint ist, wie lange die Vorräte die Nettoimporte ersetzen könnten, wenn alle Einfuhren ausfielen. Die Richtlinie 2009/119/EG zieht dabei 10 Prozent als nicht verfügbar ab und rechnet Rohöl nur zu 96 Prozent an. Wie genau gezählt wird, steht auf der Seite 90-Tage-Regel.

LandTage im März 2026 (vor der Freigabe)Tage zuletztStandIEA-Beitrag 2026 (Mio. Barrel)
Deutschland95,291,7Juni 202619,5
Österreich90,988,4Juli 20262,4

Mit 91,7 Tagen liegt Deutschland knapp über der Marke von 90 Tagen, obwohl die Pflicht seit März vorübergehend abgesenkt war. Neben dem Notfallvorrat gibt es Handelsbestände: Bei Diesel und Heizöl standen Deutschland im Juni insgesamt 8,69 Millionen Tonnen zur Verfügung, davon 5,60 Millionen als Notfallvorrat (Eurostat nrg_stk_oilm). Die Aufteilung nach Produkten zeigt die Seite Diesel, Heizöl, Kerosin: Produktvorräte, den Vergleich mit allen Ländern die Übersicht des Ölreserven-Monitors.

Die Reserve des Staates ist das eine, dein Heizöltank das andere: Rechne aus, wie lange dein Vorrat noch reicht.

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3. Was hat Deutschland 2026 aus der Reserve freigegeben?

Deutschland sagte der IEA im März 19,5 Millionen Barrel aus EBV-Beständen zu, laut NWZ 2,64 Millionen Tonnen; angeboten wurde zunächst eine Tranche von 600.000 Tonnen, die der Markt laut dpa fast vollständig abnahm (18. Juni 2026). Die Tranche bestand aus 400.000 Tonnen Rohöl, 150.000 Tonnen Diesel und 50.000 Tonnen Kerosin (t-online, 28. April). Rechtsgrundlage ist die Sechste Verordnung über die Freigabe von Vorräten des Erdölbevorratungsverbandes (BGBl. I 2026 Nr. 71), vom BMWE am 17. März erlassen und am 18. März verkündet; den Verordnungstext selbst konnten wir nicht auslesen. Laut dpa senkt sie die Bevorratungspflicht vorübergehend ab und gilt bis 31. August. Nach § 12 ErdölBevG darf der EBV damit zeitweise unter seiner Pflichtmenge bleiben und Ware an den Markt abgeben. Wirtschaftsministerin Reiche begründete die Freigabe im März so: „Wenn dem Markt Sorge genommen wird vor Knappheit, entspannen sich Preise“ (NWZ, 11. März).

Gemessen an der Zusage ist das ein kleiner Teil: 600.000 Tonnen sind knapp 23 Prozent der 2,64 Millionen Tonnen (eigene Rechnung; auf rund 23 Prozent kommt auch der Blog von Christopher Helm, 29. August). Das Ministerium betonte im Juni, der weit überwiegende Teil von Rohöl und Produkten bleibe in der Reserve, und sah laut Reuters keinen Bedarf für weitere Freigaben. Die Verordnung ist die sechste ihrer Art; frühere Freigaben gab es 1990/91 (Golfkrise), 2005 (Hurrikan Katrina), 2011 (Libyen), 2018 (Rhein-Niedrigwasser) und im März 2022 (Ukraine). Wie sich die 426 Millionen Barrel der Gemeinschaftsaktion auf alle Länder verteilen, zeigt die Seite IEA-Freigabe 2026.

4. Wer bezahlt die Ölreserve, und was passiert im Ernstfall?

Bezahlt wird die Reserve über den EBV-Beitrag von 3,56 Euro je Tonne Benzin, Diesel, Heizöl EL und Jet A-1; laut BMWE macht die Bevorratung rund 0,3 Cent je Liter Diesel oder Heizöl aus. Den Satz beschließt der Beirat, das Ministerium genehmigt ihn (§§ 23 ff. ErdölBevG); er lag schon im Geschäftsjahr 2024/25 unverändert bei 3,56 Euro und „gilt auch aktuell fort“ (EBV, 27. November 2025). Bei 2.000 Litern Heizöl im Jahr zahlst du so rund 6 Euro für die Reserve (eigene Rechnung). Der EBV hat 94 Mitglieder und eine Bilanzsumme von 5.662,0 Millionen Euro (31. März 2025).

Für einen echten Engpass ist das Werkzeug gestuft. Zuerst kommt die Freigabe per Verordnung nach § 12 ErdölBevG; dauert sie länger als sechs Monate, muss der Bundesrat zustimmen. Das BAFA führt das Krisenmanagement. Darüber hinaus erlaubt das Energiesicherungsgesetz Lieferbeschränkungen: die Kraftstoff-Lieferbeschränkungs-Verordnung von 1982 (zuletzt am 15. Juli 2024 geändert) mit Bezugsgrenzen und Berechtigungsscheinen für Private, Betriebe, Landwirte und Behörden, dazu die Heizöl-Lieferbeschränkungs-Verordnung. Bezugscheine nach der Mineralölbewirtschaftungs-Verordnung von 1988 gibt es nur im Spannungs- oder Verteidigungsfall nach Artikel 80a Grundgesetz. Der Präzedenzfall ist 1973: autofreie Sonntage und vorübergehend Tempo 100 auf Autobahnen, 80 auf anderen Straßen (Bundeszentrale für politische Bildung). Für eine Aktivierung der Lieferbeschränkungen 2026 haben wir keinen Beleg gefunden; das Maßnahmenpaket der Bundesregierung vom 1. April begrenzte Preiserhöhungen bei Kraftstoffen auf eine pro Tag und verschärfte die Aufsicht über Marktmissbrauch, rationierte aber nicht (Wirtschaftsdienst 4/2026). Wer was anordnen darf: Kraftstoff-Rationierung.

5. Wie machen es Österreich und die Schweiz?

Österreich hielt Ende 2025 rund 2,435 Millionen Tonnen Pflichtnotstandsreserven und kam im Juli 2026 auf 88,4 Tage (Parlamentskorrespondenz, 3. September 2026; Eurostat); die Schweiz rechnet in Monaten Verbrauch und war nicht Teil der IEA-Aktion. In Österreich hält die Erdöl-Lagergesellschaft (ELG) die Reserve, Importeure müssen nach dem Erdölbevorratungsgesetz 2012 „25 Prozent (90 Tage) ihrer Vorjahresnettoimporte“ vorhalten (BMWET). Für den IEA-Beitrag von 2,4 Millionen Barrel Rohöl gilt vom 1. April bis 30. September 2026 die Energie-Lenkungsmaßnahmen-Verordnung Erdöl (BGBl. II Nr. 67/2026): Die ELG bietet der OMV für Schwechat bis zu 325.000 Tonnen Rohöl an, laut Parlamentskorrespondenz rund 11 Tage der Reserve (25. März 2026). Gekauft hat die OMV 56.000 Tonnen; 269.000 Tonnen stehen noch bis 1. Oktober bereit (Stand 3. September). Eine Regelung für die Zeit danach haben wir bis 23. September nicht gefunden.

In der Schweiz besitzen die Importeure Pflichtlager, koordiniert von Carbura, beaufsichtigt vom Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL). Ziel sind 4,5 Monate für Benzin, Diesel und Heizöl und 3 Monate für Kerosin; beim Kerosin reicht es derzeit nur für rund 76 Tage (BWL, 21. September). Vom 8. bis 20. September durften je bis zu 30.000 Kubikmeter Diesel und Benzin entnommen werden, jeweils weniger als 3 Prozent der Pflichtlager: Die Raffinerie Cressier (rund 30 Prozent des Bedarfs) stand still, der Rhein führte Niedrigwasser. Mit der IEA hatte das nichts zu tun, und die Mengen müssen binnen sechs Monaten nach Ende der Maßnahme zurück ins Lager. Die Garantiefonds-Abgabe auf Diesel betrug 2024 1,50 Franken je Kubikmeter (Carbura-Geschäftsbericht), laut Die Volkswirtschaft rund 0,15 Rappen je Liter.

6. Was ist offen, und was wird gerade diskutiert?

Offen ist vor allem, ob die deutsche Freigabe nach dem 31. August 2026 verlängert wurde: Im Juni prüfte das Ministerium eine Verlängerung, eine siebte Verordnung haben wir bis zum 23. September nicht gefunden. Eine Freigabe über sechs Monate hinaus bräuchte den Bundesrat. Gleichzeitig füllt der EBV auf: Laut Rigzone (Bloomberg) schrieb er Ende Juni rund 630.000 Barrel und Anfang Juli über 760.000 Barrel Diesel aus. Bis wann die volle Pflicht wieder gilt, legt das BMWE per Verordnung fest; ein Datum haben wir nicht gefunden. Skeptischer klang im April ein Bericht von t-online, in dem Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zu Wort kam, Überschrift: „Expertin warnt vor ‚Sicherheitsrisiko‘“. International will Frankreichs Präsident Macron die G7 einberufen, um eine zweite Freigabe zu prüfen (World Oil, 18. September), und die EU überarbeitet ihre Bevorratungsrichtlinie; am 90-Tage-Ziel dürfte sich laut S&P Global aber nichts ändern (28. Juli).

DatumMeldungQuelle
11.03.2026„Deutschland gibt 19,5 Millionen Barrel aus nationaler Ölreserve frei“NWZ
17./18.03.2026Sechste Freigabeverordnung erlassen und verkündet (BGBl. I 2026 Nr. 71)Bundesgesetzblatt
28.04.2026„Hat Deutschland genug Ölreserven? Expertin warnt vor ‚Sicherheitsrisiko‘“t-online
18.06.2026„Wirtschaftsministerium prüft längere Freigabe von Ölreserven“dpa/onvista
Juni 2026Ministerium: derzeit kein Bedarf für weitere FreigabenReuters
07.07.2026EBV füllt die strategische Dieselreserve wieder aufRigzone/Bloomberg
29.08.2026Blog (aktualisiert): 600.000 t sind rund 23 % der Zusage, keine FolgeverordnungChristopher Helm
31.08.2026Befristung der Verordnung endet laut dpa; eine Verlängerung haben wir nicht gefundendpa, eigene Recherche
18.09.2026Macron will die G7 zu einer möglichen zweiten Freigabe einberufenWorld Oil

Zitiervorschlag: Global Oil Shock (Jörg Dässler), „Ölreserven Deutschland: 91,7 Tage, EBV und Kosten“, Stand 23.09.2026, https://globaloilshock.com/de/oelreserven/deutschland/

7. Häufige Fragen

Wie lange reichen die Ölreserven in Deutschland?
Nach der EU-Zählweise 91,7 Tage Nettoimporte (Eurostat, Juni 2026); vor der Freigabe im März waren es 95,2 Tage. Das misst, wie lange die Notfallvorräte ausbleibende Einfuhren ersetzen könnten. Importe fließen weiter, die Reserve ist der Puffer dahinter.
Wo lagert Deutschland sein Öl?
Rohöl vor allem in Salzkavernen in Wilhelmshaven-Rüstringen, Bremen-Lesum, Sottorf und Heide, Produkte zusätzlich in Tanklagern im ganzen Land (EBV). Wilhelmshaven ist laut NWZ der größte Standort: 39 Kavernen mit rund 10 Millionen Tonnen Rohöl.
Wer bezahlt die Ölreserve?
Die Mitgliedsfirmen des EBV zahlen 3,56 Euro je Tonne Benzin, Diesel, Heizöl EL und Jet A-1 (EBV, November 2025). Im Literpreis macht das laut BMWE rund 0,3 Cent bei Diesel und Heizöl aus, bei 2.000 Litern Heizöl also rund 6 Euro im Jahr (eigene Rechnung).
Wie viel Öl hat Deutschland 2026 freigegeben?
Zugesagt waren 19,5 Millionen Barrel, laut NWZ 2,64 Millionen Tonnen. Angeboten wurde eine erste Tranche von 600.000 Tonnen, die bis Juni fast vollständig abgenommen war (dpa, 18. Juni 2026). Der größte Teil blieb nach Angaben des Ministeriums in der Reserve.
Wird in Deutschland Sprit oder Heizöl rationiert?
Dafür gibt es keinen Beleg. Die Rechtsgrundlagen existieren (Kraftstoff- und Heizöl-Lieferbeschränkungs-Verordnung, im Spannungs- oder Verteidigungsfall die Mineralölbewirtschaftungs-Verordnung), eine Aktivierung 2026 haben wir nicht gefunden.
Muss die Reserve wieder aufgefüllt werden?
Ja. Sobald die Gründe entfallen, ist die Freigabe aufzuheben, und das BMWE bestimmt per Verordnung, bis wann die 90-Tage-Pflicht wieder erfüllt sein muss (§ 12 ErdölBevG). Ein Datum haben wir nicht gefunden; laut Rigzone (Bloomberg) schreibt der EBV seit Ende Juni Dieselkäufe aus.

Und dein Haushalt?

Die Reserven der Staaten sind das eine, dein Heizöltank und deine Spritkosten das andere. Rechne im Energiekosten-Rechner durch, was der Ölpreis für deinen Verbrauch bedeutet.

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