1. Wer hält die Ölreserven der Schweiz?
Die Schweizer Ölreserven sind Pflichtlager: Sie gehören den Importeuren, die Carbura koordiniert sie, und das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) beaufsichtigt sie (Die Volkswirtschaft, 15. September 2026). Die Carbura bezeichnet sich als „Schweizerische Pflichtlagerorganisation für flüssige Treib- und Brennstoffe“ und zählte Ende 2025 50 Mitglieder (Geschäftsbericht 2025). Wer Benzin, Diesel, Heizöl oder Kerosin einführt, braucht eine Einfuhrbewilligung und einen Pflichtlagervertrag und muss ein Pflichtlager von mindestens 1.000 Kubikmetern halten; der Tankraum muss ihm gehören oder für mindestens drei Jahre gemietet sein (Carbura, Rechte und Pflichten). Rechtsgrundlagen sind das Landesversorgungsgesetz und die Verordnung über die Pflichtlagerhaltung von flüssigen Treib- und Brennstoffen (SR 531.215.41, in Kraft seit 1. Juni 2017).
Das Modell unterscheidet sich von dem der Nachbarn. In Deutschland hält der Erdölbevorratungsverband (EBV) die Reserve, in Österreich die Erdöl-Lagergesellschaft (ELG). Die Schweiz ist kein EU-Mitglied, an die EU-Bevorratungsrichtlinie also nicht gebunden, und misst ihre Vorräte nicht in Tagen Nettoimporte, sondern in Monaten Verbrauch. Freigeben darf der Bund die Lager nur bei einer schweren oder drohenden Mangellage, berichtete SRF im März unter Berufung auf das BWL. Der Grundsatz des Amts lautet: „Hohe Energiepreise sind kein Grund für eine Pflichtlagerfreigabe.“ Wie die Schweiz neben anderen Ländern dasteht, zeigt die Übersicht des Ölreserven-Monitors.
2. Wie lange reichen die Pflichtlager der Schweiz?
Bei Benzin, Diesel und Heizöl liegen die Pflichtlager über dem Ziel von viereinhalb Monaten Bedarf; beim Kerosin reichen sie laut BWL nur für rund 76 statt der vorgesehenen 90 Tage (Versorgungslage, 21. September 2026). Das Ziel steht im Pflichtlagersortiment des BWL: 4,5 Monate durchschnittlicher Schweizer Bedarf bei Benzin, Diesel und Heizöl, drei Monate beim Kerosin, das in der Schweiz „Flugpetrol“ heißt. Monatswerte je Produkt für 2026 veröffentlicht das BWL nicht, die letzten vollständigen Zahlen stehen in den Geschäftsberichten der Carbura.
| Produkt | Ziel | Ende 2024 | Ende 2025 | September 2026 |
|---|---|---|---|---|
| Benzin | 4,5 Monate | 4,7 Monate | 4,7 Monate | über dem Soll |
| Diesel | 4,5 Monate | 4,6 Monate | 4,7 Monate | über dem Soll |
| Heizöl | 4,5 Monate | 5,1 Monate | 6,1 Monate | über dem Soll |
| Kerosin | 3 Monate | 2,8 Monate | 2,2 Monate | rund 76 Tage |
Quellen: BWL (Ziel, September 2026), Carbura-Geschäftsberichte 2024 und 2025 (Stichtag jeweils 31. Dezember).
Beim Kerosin fehlten Ende 2025 laut Carbura 129.390 Kubikmeter bis zum Soll, beim Heizöl lag der Bestand deutlich darüber. Monate Verbrauch lassen sich nicht eins zu eins mit den Tagen Nettoimporte vergleichen, die Eurostat für EU-Länder meldet: Deutschland kam im Juni 2026 auf 91,7 Tage, Österreich im Juli auf 88,4 Tage. Warum die Zählweisen auseinanderlaufen, erklärt die Seite 90-Tage-Regel. Für eine mittlere Störung rechnet Die Volkswirtschaft so: Fallen 30 Prozent der Versorgung aus, reichen die Pflichtlager bis zu 15 Monate.
3. Warum hat die Schweiz im September 2026 Pflichtlager freigegeben?
Weil die Raffinerie Cressier stillstand und der Rhein Niedrigwasser führte, bewilligte der Delegierte für wirtschaftliche Landesversorgung, Roland Pfister, vom 8. bis 20. September 2026 Bezüge von je bis zu 30.000 Kubikmetern Diesel und Benzin (BWL, 8. September 2026). Die bewilligten Mengen entsprachen bei beiden Produkten weniger als 3 Prozent der Pflichtlagerbestände. Bezogen wurde das Benzin vollständig, der Diesel zu rund zwei Dritteln; danach endeten die Bezüge, weil Cressier wieder produziert (Medienmitteilung des Bundes, 21. September). Zusammen sind das etwa 50.000 Kubikmeter (eigene Rechnung).
Freigegeben heißt nicht geschenkt: Die Pflichtlagerhalter müssen die bezogenen Mengen innerhalb von sechs Monaten nach Ende der Maßnahme wieder einlagern. Beginnt die Frist mit dem Ende des Bewilligungszeitraums am 20. September, läuft sie etwa bis 20. März 2027 (eigene Rechnung). Rechtlich war das eine temporäre Bedarfsdeckungsunterschreitung (TBDUS): Bis zu 20 Prozent eines Produkts darf der Delegierte selbst freigeben, für größere Bezüge braucht es eine Verordnung des Wirtschaftsdepartements (WBF). Am 21. September waren solche Unterschreitungen für Benzin und Diesel weiter bewilligt, die Lage nannte das BWL „angespannt“.
Mit der IEA hatte die Freigabe nichts zu tun. An der Gemeinschaftsaktion über 426 Millionen Barrel vom März beteiligte sich die Schweiz nicht, sie fehlt in der Beitragstabelle vom 19. März. Laut SRF gibt es nach Angaben des BWL für freiwillige Maßnahmen wie jene der IEA keine gesetzliche Grundlage. Welche Länder was beitrugen, zeigt die Seite IEA-Freigabe 2026.
4. Woher bezieht die Schweiz ihr Öl?
Rund ein Drittel des Bedarfs kommt als Rohöl in die Schweiz und wird in Cressier im Kanton Neuenburg, der einzigen Raffinerie des Landes, verarbeitet; dieses Rohöl stammte 2025 zu 49,9 Prozent aus den USA und zu 35,4 Prozent aus Nigeria (BWL; Avenergy Suisse, Jahresbericht 2025). Es folgten Kasachstan mit 5,0, Aserbaidschan mit 2,8 und Libyen mit 2,6 Prozent, auf weitere Länder entfielen zusammen 4,4 Prozent. Den größeren Teil importiert die Schweiz als fertige Produkte: 2025 zu 66,3 Prozent aus Deutschland, zu 14,2 Prozent aus Frankreich, dazu aus den Niederlanden (5,9), Italien (5,1) und Belgien (5,0 Prozent).
Entscheidend ist der Transportweg. 2025 kamen die Einfuhren von Rohöl und Fertigprodukten zu 41,8 Prozent per Pipeline, zu 30,5 Prozent per Bahn, zu 22,4 Prozent per Schiff und zu 5,4 Prozent per Lastwagen (Avenergy Suisse, Branchenverband). Im Normalfall bringt der Rhein bis zu ein Drittel der importierten Mineralölprodukte (Die Volkswirtschaft). Im September sei der Schiffsverkehr dort „de facto zum Erliegen gekommen“, schreibt das BWL. Wie Pegel und Versorgungswege mit den regionalen Heizölpreisen zusammenhängen, zeigt die Heizölpreis-Karte DACH.
Unter den fünf größten Rohöllieferanten ist kein Golfstaat. Ganz unabhängig vom Persischen Golf ist die Schweiz trotzdem nicht, denn ihr Hauptlieferant für Fertigprodukte kauft dort ein: Deutschland bezog 2025 laut Eurostat 6,3 Prozent seines Rohöls aus den Golfstaaten (eigene Rechnung, GOS-Hormus-Index).
5. Was kosten die Pflichtlager die Haushalte?
Bezahlt werden die Pflichtlager über Garantiefondsbeiträge auf den Import: 2025 waren es 1,50 Franken je Kubikmeter Diesel und 7,00 Franken je Kubikmeter Kerosin, auf Benzin fiel kein Beitrag an, und Heizölkunden bekamen 25 Franken je Kubikmeter zurück (Carbura, Geschäftsbericht 2025). Beim Diesel sind das 0,15 Rappen je Liter (Die Volkswirtschaft), beim Heizöl eine Gutschrift von 2,5 Rappen je Liter (eigene Rechnung). Die Rückvergütung hat das BWL per 1. August 2024 auf 25 Franken erhöht und bis März 2029 bewilligt. Insgesamt kamen den Heizölkunden 2025 so 56,3 Millionen Franken zugute, nach 48,4 Millionen im Vorjahr. Wer 2.000 Liter im Jahr bestellt, erhält rechnerisch 50 Franken (eigene Rechnung). Die Sätze für 2026 haben wir nicht gefunden.
Das betrifft viele Haushalte: 32 Prozent heizten 2025 mit Heizöl, 25 Prozent mit Gas, und Heizöl wurde in 33 Prozent aller Gebäude genutzt (Bundesamt für Statistik, 15. September 2026). Wie andere Länder ihre Reserven finanzieren und was das je Liter ausmacht, steht auf der Seite Wer bezahlt die Reserven?. Heizölpreise und Energiekosten in der Schweiz findest du im Länderleitfaden Schweiz.
Zitiervorschlag: Global Oil Shock (Jörg Dässler), „Pflichtlager Schweiz: 4,5 Monate, Kerosin rund 76 Tage“, Stand 23.09.2026, https://globaloilshock.com/de/oelreserven/schweiz/