1. WTI und Brent in einem Absatz
WTI ist die US-Referenzsorte, physisch abgerechnet in Cushing, Oklahoma und gehandelt an der NYMEX/CME; Brent ist die seewärtige Nordsee-Referenzsorte, an der sich der größte Teil des Weltölhandels orientiert, und der Brent-WTI-Spread, Brent minus WTI, misst, um wie viel teurer oder günstiger der Weltmarktpreis gegenüber dem US-Preis ist. Am 17.09.2026 lag diese Differenz laut Trading-Economics-Daten bei rund 3 bis 4 USD je Barrel, nahe an der von RBN Energy für den Vortag gemeldeten Marktkennzahl von +2,92 USD/bbl, beides weit innerhalb der Extremwerte, die dieser Spread historisch erreicht hat. Die Weltmarktsorte selbst erklärt unser Brent-Eintrag.
Der Spread ist mehr als eine Handelsraum-Kennziffer, weil er grob anzeigt, ob sich der Transport von US-Rohöl nach Europa gerade lohnt. Das ist relevant, während die Krise um die Straße von Hormuz den Ölfluss aus dem Golf Richtung europäischer Raffinerien einschränkt.
2. Wie der WTI-Preis und der Spread tatsächlich entstehen
WTI wird physisch in Cushing, Oklahoma geliefert, eine leichte, schwefelarme Sorte mit rund 39,6 Grad API und rund 0,24 % Schwefelgehalt; Referenzkontrakt ist der NYMEX/CME-Future "Light Sweet Crude Oil", während Brents Referenz der ICE-Brent-Future ist, gestützt auf einen Korb mehrerer Nordsee-Sorten. Seit Beginn der Cargo-Lieferungen im Juni 2023 zählt zusätzlich WTI Midland, eine Sorte von der US-Golfküste, als lieferbare Sorte im physischen Dated-Brent-Korb, angelandet CIF Rotterdam per Standard-Aframax-Tanker mit 700.000 Barrel, plus/minus 1 %; S&P Global Platts wendet dabei einen Frachtkosten-Anpassungsfaktor von 80 % an, damit eine CIF-Ladung fair mit einer FOB-Nordsee-Ladung vergleichbar bleibt.
Weil beide Referenzsorten weit vor der eigentlichen Lieferung als Terminkontrakt gehandelt werden, ist der Tagespreis, den du liest, ein Terminpreis und kein Kassageschäft. Den Unterschied erklärt unser Eintrag zu Spot- und Terminmarkt. Was die Breite des Spreads selbst bewegt, ist vor allem die US-Exportfähigkeit: Je mehr Rohöl die US-Golfküste ins Ausland verschiffen kann oder muss, desto stärker muss Brent über dem US-Preis liegen, damit sich der Export überhaupt rechnet, während der Spread bei reichlich verfügbarer Exportlogistik enger bleibt.
3. Der Spread in Zahlen: heute im Vergleich zur Geschichte
Die folgende Tabelle stellt den aktuellen Wert den größten Ausschlägen des Brent-WTI-Spreads seit 2011 gegenüber.
| Kennzahl | Wert | Datum | Quelle |
|---|---|---|---|
| WTI-Spotpreis | 100,45 USD/bbl | 17.09.2026 | Trading Economics |
| WTI-Spotpreis, abweichende Momentaufnahme | 101,17 USD/bbl | 17.09.2026 | OneValor |
| Brent-Spotpreis | 104,51 bis 104,62 USD/bbl | 17.09.2026 | Trading Economics |
| Brent-WTI-Spread, Marktkennzahl | +2,92 USD/bbl | 16.09.2026, 06:21 UTC | RBN Energy |
| Größter WTI-Rabatt der Geschichte | bis zu −30 USD/bbl | September 2011 | EIA Today in Energy |
| Spread, Jahresdurchschnitt | rund −19 USD/bbl | 2012 | EIA Today in Energy |
| Spread, nahe Parität | rund −3 bis −4 USD/bbl | Juli 2013 | EIA Today in Energy |
| Einmaliger negativer WTI-Future-Preis | −37,63 USD/bbl | 20./21.04.2020 | EIA Today in Energy |
Zwei Dinge fallen auf. Erstens liegt der heutige implizite Spread weit innerhalb des Rabatts von bis zu −30 USD/bbl aus den Jahren 2011 und 2012, als fehlende Pipeline-Kapazität ab Cushing US-Rohöl im Landesinneren einschloss. Zweitens ist der Wert von −37,63 USD/bbl aus dem April 2020 gar kein Spread im engeren Sinn, sondern ein einmaliges, ablaufendes Termingeschäft, das weiter unten eingeordnet wird.
4. Vom 30-Dollar-Rabatt zur Fast-Parität: was sich änderte
Jahrzehntelang handelte WTI nahe an Brent, bis der Schieferöl-Boom ab 2011 Cushing schneller füllte, als Pipelines es leeren konnten, und den Rabatt im September jenes Jahres auf bis zu −30 USD/bbl drückte (EIA). Neue Pipeline-Kapazität, darunter die Umkehrung der Seaway-Leitung, und die Aufhebung des US-Rohölexportverbots Ende 2015 ließen beide Sorten wieder zusammenrücken; bis Juli 2013 war die Lücke bereits auf rund −3 bis −4 USD/bbl gesunken (EIA). Seither folgt die Breite des Spreads vor allem der US-Exportkapazität, weniger dem US-Angebot selbst: Sind Terminals und Schiffe an der Golfküste reichlich verfügbar, handelt WTI nahe an Brent, fehlt es daran, weitet sich der Rabatt wieder.
Warum der Spread die Heizölrechnung eines US-Haushalts anders bewegt als die eines europäischen, liegt daran, welche Referenzsorte der jeweilige Endkundenmarkt zugrunde legt. US-Heizöl in NY Harbor wird gegen WTI notiert, und seine Raffineriemarge wird an derselben NYMEX-Börse gehandelt. Diese Marge, der US-Diesel-Crack-Spread, erreichte am 01.09.2026 mit 106 USD/bbl einen Rekordwert (TT News). Europäischer Diesel und europäisches Heizöl orientieren sich dagegen an Brent-gebundenem Gasöl. Wie Diesel und Heizöl aus demselben Raffineriestrom stammen, erklärt unser Eintrag zu Mitteldestillaten. Wie diese Marge berechnet wird, erklärt unser Eintrag zum Diesel-Crack-Spread.
5. Was das für deine Heizöl- oder Dieselrechnung bedeutet
Kaufst du Heizöl oder Diesel in Deutschland, Österreich, der Schweiz oder Frankreich, zählt für deine Rechnung vor allem Brent und die europäische Raffineriemarge; kaufst du Heizöl im US-Nordosten, zählen WTI und der US-Diesel-Crack-Spread zuerst. Der Brent-WTI-Spread selbst zeigt an, ob es sich aktuell lohnt, US-Rohöl zusätzlich nach Europa zu verschiffen, um einen Ausfall etwa aus der Golf-Krise auszugleichen: Ein enger Spread wie der hier gemessene von rund 3 USD/bbl signalisiert wenig zusätzlichen Anreiz für US-Fässer Richtung Europa über das bereits fließende Volumen hinaus.
Bewusst nennen wir auf dieser Seite keinen einzelnen deutschen Endkundenpreis für Heizöl, weil sich unsere jüngsten Messwerte stärker unterscheiden, als sich mit einer einzigen Quelle belegen lässt. Die laufend aktualisierten, tagesaktuellen Zahlen findest du stattdessen auf unserer Heizölpreis-Karte. Egal welchen Kraftstoff und welches Land du kaufst, rechne deine eigenen Zahlen im Rechner durch.
Was der heutige Brent-WTI-Spread für deine Heizöl- oder Dieselkosten bedeuten könnte.
Zum Rechner6. Was der Spread nicht bedeutet
"WTI wurde negativ" im April 2020 bedeutete nicht, dass Öl wertlos war; es bedeutete, dass ein einzelner, ablaufender NYMEX-Terminkontrakt kurzzeitig bei −37,63 USD/bbl handelte, weil die Lagertanks in Cushing fast voll waren und kaum jemand physische Lieferung in dieses Nadelöhr übernehmen wollte (EIA). Das ist ein einmaliges Kontraktverfalls-Ereignis, keine fortlaufende Ausprägung des Brent-WTI-Spreads, wie er sonst auf dieser Seite beschrieben wird, und es hat sich seither nicht wiederholt.
Ein zweites Missverständnis betrifft das Vorzeichen: "Brent-WTI-Spread" bedeutet üblicherweise Brent minus WTI, ein positiver Wert also eine Brent-Prämie, der seit 2011 weit häufigere Fall. Über Brent gehandelt hat WTI nur in einzelnen Phasen, etwa Teilen des Jahres 2008. Und die EIA-Prognose von rund 91 USD/bbl Brent-Jahresdurchschnitt für 2026 und 74 USD/bbl für 2027 (Short-Term Energy Outlook, 09.09.2026, laut Rigzone) ist genau das, eine Prognose, kein Versprechen, das diese Seite als feststehend behandelt.