1. Die kurze Antwort
Heizgradtage messen, wie viel Heizbedarf eine Periode tatsächlich hatte, nicht wie kalt sie sich gefühlt hat, indem sie die Differenz zwischen einer Referenz-Raumtemperatur und dem Tagesmittel im Freien über alle Tage aufsummieren, die als Heiztag zählen. Der Wert bedeutet nur etwas neben der Basistemperatur der jeweiligen Institution: DWD und VDI 3807 nutzen für Deutschland eine 15 °C-Heiztagsschwelle und eine 20 °C-Referenz, Eurostat nutzt EU-weit eine 15 °C-Schwelle mit 18 °C-Referenz, die EEA vereinfacht den ganzen Kontinent auf einen einzigen 15,5 °C-Wert für ihre Karte, und die US-Behörde EIA rechnet mit 65 °F ohne separate Schwelle. Keine dieser Konventionen ist richtiger als die andere, es sind einfach unterschiedliche institutionelle Festlegungen, und diese Seite stellt sie nebeneinander statt eine auszuwählen.
Die praktische Nutzung ist die, auf die sich unser Lexikoneintrag zur Teilbefüllung schon stützt: die erwartete Liefermenge aus deinem Vorjahresverbrauch und dem Verhältnis der Heizgradtage dieser Periode zur selben Periode im Vorjahr zu skalieren.
2. Wie der Wert entsteht und wer die Regel setzt
Ein Wetterdienst oder ein Statistikamt legt einmal eine Basistemperatur fest, danach erledigt eine Tagestemperaturreihe den Rest automatisch. In Deutschland veröffentlicht der Deutsche Wetterdienst die VDI-3807-Reihe aus seinem eigenen Stationsnetz; Eurostat aggregiert die Stationsdaten der Mitgliedstaaten zur harmonisierten nrg_chdd-Reihe; die EEA vereinfacht zusätzlich, um einen über die ganze europäische Karte vergleichbaren Wert zu liefern; und in den USA berechnet die EIA die HGT aus Tageshoch und -tief der Wetterstationen, ohne eine separate Schwelle europäischer Art.
Keine dieser Stellen setzt mit dieser Zahl ein politisches Ziel, anders als bei einem Fördersatz oder einer Steuerrückerstattung: Heizgradtage sind eine Messkonvention, kein Gesetz, deshalb gibt es hier keinen Rechtsstatus zu prüfen, nur eine Methode, die man richtig lesen muss. Eine Gradtagzahl sagt außerdem nichts darüber, wie viel Wärme ein Liter Brennstoff beim Verbrennen abgibt, das ist eine eigene Eigenschaft, die unser Lexikoneintrag zu Heizwert und Brennwert erklärt.
3. Vier Institutionen, vier Basistemperaturen
Die Tabelle unten stellt alle vier Methoden nebeneinander. Bitte nicht mitteln oder eine Zahl gegen eine andere austauschen: Ein Eurostat-Gradtag und ein DWD-Gradtag entstehen aus unterschiedlichen Referenztemperaturen und sind keine identische Bedarfseinheit.
| Institution / Region | Heiztags-Schwelle | Referenztemperatur | Formel | Stand | Quelle |
|---|---|---|---|---|---|
| DWD / VDI 3807 (Deutschland) | Tagesmittel unter 15 °C | 20 °C | HGT = 20 °C minus Tagesmittel, Summe in Kelvin·Tag | Datensatzbeschreibung, Stand 18.09.2026 | DWD Opendata |
| Eurostat, nrg_chdd (EU) | Tagesmittel bei 15 °C oder darunter | 18 °C | HGT = Summe aus (18 °C minus Tagesmittel); null an wärmeren Tagen | Metadaten aktualisiert 25.10.2024 | Eurostat nrg_chdd_esms |
| EEA (EU-Karte, 1950 bis 2100) | Nicht separat definiert | 15,5 °C, ein vereinfachter Wert | Gleiches Subtraktionsprinzip, eine EU-weite Basis | Abbildung zuletzt geändert 11.09.2024 | EEA |
| EIA (USA) | Keine; negative Tage zählen als null | 65 °F (rund 18,3 °C) | HGT = 65 °F minus Tagesmittel aus Tageshoch/-tief; negative Werte auf null | Glossareintrag, Stand 18.09.2026 | EIA Glossary |
Warum das gerade jetzt zählt: Heizöl kostete in Deutschland am 17.09.2026 im Schnitt 181,0 Ct/L, ein Plus von 90,3 % zum Vorjahr, laut Tecson, weshalb die Liter, die eine Gradtagzahl dir voraussagt, echtes Geld kosten, verfolgt in unserem Lexikoneintrag zum Heizölpreis.
4. Warum die Basiswerte abweichen und das kein Fehler ist
Die vier Institutionen haben sich nicht geirrt, indem sie unterschiedliche Werte nutzen; jede Basistemperatur spiegelt eine andere Annahme über Gebäude und einen anderen Zweck der Zahl. Die 20 °C-Referenz des DWD spiegelt eine deutsche Raumkomfort-Annahme, die seit Einführung der VDI 3807 gilt; die 18 °C-Referenz von Eurostat ist für die Aggregation über EU-Mitgliedstaaten mit unterschiedlichem Gebäudebestand gebaut; die einheitliche 15,5 °C-Basis der EEA tauscht Genauigkeit gegen eine Karte, die Portugal und Finnland auf einer Skala vergleichbar macht; und die 65 °F-Konvention der EIA geht den metrischen Alternativen um Jahrzehnte voraus und ist an die US-Versorgungs- und Energiemarktpraxis gebunden.
Diese Recherche fand für Deutschland, Frankreich, Spanien, Großbritannien oder den US-Nordosten, die von dieser Seite abgedeckten Märkte, keinen einzelnen belegten typischen Jahreswert mit Primärquelle und Jahr, deshalb steht hier keiner. Eine Kältewelle, die Heizgradtage schnell nach oben treibt, kann mit zwei angebotsseitigen Engpässen zusammenfallen, die anderswo auf dieser Seite belegt sind: knappe Mitteldestillatlager, verfolgt in unserem Lexikoneintrag zur Dieselknappheit. Mehrere europäische Märkte stellen Diesel außerdem an einem festen Herbsttermin auf die Winterspezifikation um, beschrieben in unserem Lexikoneintrag zum Winterdiesel. Keiner der beiden Effekte ändert die Heizgradtage-Formel selbst, beide können aber ändern, wie schnell ein Händler die Liter tatsächlich liefern kann, die die Formel dir nennt.
5. Was das für deine Lieferung heißt: Reicht eine Teilmenge bis Januar?
Nimm deinen Gesamtverbrauch im vergangenen Winter in Litern, teile ihn durch die Heizgradtage-Summe deiner lokalen Wetterstation für denselben Winter, und du erhältst einen Liter-je-Gradtag-Wert, den du auf jede beliebige Periode anwenden kannst. Händler nutzen dieselbe Idee umgekehrt, um eine erwartete Liefermenge zu skalieren: erwartete Liter sind ungefähr Vorjahresverbrauch mal dem Verhältnis der Heizgradtage dieser Periode zur selben Periode im Vorjahr, an derselben Station.
Beispielrechnung, mit frei gewählten, illustrativen Rundzahlen, keine Messwerte: Angenommen dein Haushalt hat letzte Heizsaison 2.000 Liter verbraucht, und die Heizgradtage-Summe nach DWD-Methode für dieselbe Saison an deiner nächsten Station lag bei 2.200 Kelvin·Tag. Das ergibt 2.000 geteilt durch 2.200, also rund 0,91 Liter je Gradtag. Wenn für die Periode von jetzt bis Ende Januar auf derselben Basis 850 Gradtage prognostiziert oder bisher gemessen sind, ist dein geschätzter Bedarf für diese Periode 0,91 mal 850, also rund 773 Liter. Setze die Werte deiner eigenen Station aus DWD-Opendata, dem Eurostat-Databrowser oder deinem nationalen Wetterdienst ein, und dieselben drei Schritte funktionieren für jede Periode.
Um zu entscheiden, ob eine Teilbestellung bis Januar reicht, addiere deinen aktuellen Tankstand zur Teilmenge, die du erwägst, und vergleiche diese Summe mit den geschätzten Litern, die dein eigenes Verhältnis für das Fenster vom Liefertermin bis Ende Januar voraussagt. Deckt die Summe diese Schätzung mit einem angemessenen Puffer, und ist die Lieferfrist deines Händlers kurz, ist eine Teilbefüllung eine vernünftige Wette. Reicht sie nicht, oder läuft die Lieferfrist eher in Wochen als in Tagen, verringert eine Bestellung näher an der Volltankmenge jetzt das Risiko einer zweiten, möglicherweise teureren Bestellung mitten im Winter. Wie du eine beliebige Literzahl in eine Anzahl Heiztage bei der Verbrauchsrate deines Haushalts umrechnest, erklärt unser Lexikoneintrag zur Lagerreichweite, und unsere Seite Heizöl jetzt kaufen oder warten wiegt diese Zeitfrage gegen die aktuelle Marktlage ab. Trag deine eigenen Zahlen in unseren Heizungsvergleichsrechner ein, um diesen Vergleich für deine eigene Rechnung zu machen.
Rechne aus deinem Verbrauch und deinen Gradtagen eine Lieferschätzung.
Zum Rechner6. Was Heizgradtage dir nicht sagen
Eine Gradtagzahl ist ein reines Temperatursignal, keine Preisprognose, keine Wetterprognose, und nicht dieselbe Zahl wie der Energieinhalt deines Brennstoffs. Diese Seite und die Quellen dahinter treffen keine Aussage darüber, wohin sich Öl- oder Gaspreise bewegen, sondern nur darüber, wie viel kälter oder wärmer eine Periode gegenüber einer gewählten Referenz war. Die 20 °C-basierte deutsche DWD-Zahl mit der 18 °C-basierten EU-Zahl von Eurostat zu verwechseln, ist die häufigste Fehllesung, die bei der Recherche für diese Seite auffiel: Beide nutzen unterschiedliche Referenztemperaturen und sind ohne Umrechnung nicht austauschbar, und keine der beiden lässt sich direkt in die Fahrenheit-basierte Zahl der US-Behörde EIA umrechnen.
Ein zweiter Irrtum ist die Annahme, es gebe einen einzigen amtlichen typischen Jahreswert für dein Land; diese Seite fand keinen mit Primärquelle und Jahr für Deutschland, Frankreich, Spanien, Großbritannien oder den US-Nordosten und benennt diese Lücke, statt eine unbelegte Zahl von einer Sekundärquelle zu übernehmen. Ein dritter Irrtum ist, deinen geschätzten Literbedarf mit der Frage zu verwechseln, wie lange bereits geliefertes Öl im Tank nutzbar bleibt; diese Haltbarkeitsfrage behandelt getrennt unser Lexikoneintrag zur Heizöl-Haltbarkeit.