Berlin. Lufthansa-Ticketing-System. 1. Januar 2022. Flug Frankfurt–New York, Economy-Ticket: 450 EUR. Kerosin-Zuschlag: 85 EUR (19%). Insgesamt: 535 EUR.
1. März 2022. Ukraine-Krieg beginnt. Russisches Öl-Embargo. Brent springt von 85 USD auf 130 USD (+53%). Kerosin-Preis folgt: +50 EUR pro Liter (durchschnittliche Jet-Fuel-Prämie).
15. März. Lufthansa aktualisiert Kerosin-Zuschlag: 140 EUR (+65 EUR). Neuer Ticket-Preis: 615 EUR (gleicher Flug, +80 EUR, +15%). Aber passiert noch mehr bei Lufthansa: sie erhöhen auch Basis-Ticket weil Konkurrenten ebenfalls tun.
Das ist Kerosin-Zuschlag in Echtzeit: direkte Weitergabe mit 2 Wochen Lag, deutlich sichtbar auf Ticketing-Seiten.
Definition: Wie die Weitergabe funktioniert
Eine typische Airline kauft täglich Kerosin. Preis hängt von Brent + Raffinerie-Marge + lokale Abschöpfung + Lager-Kosten ab.
- Beispiel: Normales Regime (Brent 85 USD): Jet-Fuel pro Liter kosten +/-0,65 EUR. Airline A fliegt 100 Liter pro Flug. Kerosin-Kosten: 65 EUR pro Flug. Airline möchte 5% Gewinn-Marge: Kerosin-Zuschlag = 65 EUR × 1,05 = 68 EUR (gerundet 70 EUR auf dem Ticket).
- Spike (Brent 130 USD): +53%. Jet-Fuel pro Liter: +0,34 EUR (53%). Neue Kosten: 65 + 34 = 99 EUR pro Flug. Airline hedget teilweise (z.B. 50% der Zukunfts-Preise gekauft). Also effektive Kostensteigerung: 65 + (34 × 0,5) = 82 EUR. Auf Ticket: neuer Zuschlag 82 EUR × 1,05 = 86 EUR (gerundet 85 EUR). Mittel-Ansatz: +15 EUR statt +34 EUR. Das ist 44% Pass-through (15 von 34 EUR Steigerung).
Aber: Nach 2–3 Wochen, wenn Hedge-Positionen rollen und physisches Kerosin nachgekauft wird, kann die Airline nicht länger hedgen. Dann wird der Zuschlag erhöht auf +25 EUR (74% Pass-through). Nach 6 Wochen: volle 90% Pass-through (30 EUR Zuschlag).
Kerosin-Zuschlag-Geschichte und Größen
Pre-2000: Kein Zuschlag. Airlines absorbierten Ölpreis-Volatilität in Ticket-Preis oder Gewinne.
2000–2008: Ölpreis-Hausse. Brent steigt von 30 auf 150 USD. Airlines führen Zuschlag ein (später Kern-Praktik). Typisch 2007–2008: Zuschlag 60–80 EUR pro Ticket (10–15% der Basis-Tickets).
2008–2009: Finanzkrise. Brent fällt auf 40 USD. Zuschlag fällt auf 5–10 EUR. Airlines HALTEN Basis-Ticket-Preis hoch (asymmetrischer Pass-through nach unten).
2010–2019: Stabilität. Zuschlag 25–40 EUR (Brent 70–100 USD). Routine-Element in Airline-Pricing.
2020: COVID-Crash. Brent fällt auf 20 USD, später 40 USD. Zuschlag sinkt auf 0–5 EUR. Flugtickets trotzdem teuer (Kapazitäts-Starre).
2021–2022: Recovery + Ukraine-Krieg. Brent 85 → 130 → 95 USD über 6 Monate. Zuschlag volatil: 80 → 140 → 100 EUR. Durchschnitt 2022: 110 EUR (höchst seit 2008).
Hedging-Unvollkommenheit und Pass-through
Idealfall (100% Hedging): Airline hätte im Januar alle Kerosin für 12 Monate gekauft. Dann: egal ob Brent steigt, Zuschlag bleibt konstant. Realität: NO. Grund: Hedging kostet Geld (Gebühren, Margin, Zins). Also hedgen Airlines nur 50–70% ihrer Verbrauch. Rest ist naked (anfällig für Preisschocks).
Timing-Lag: Ölpreise ändern sich täglich, Flugtickets werden Tage/Wochen später aktualisiert (Reservierungs-System, GDS-Propagierung). GDS (Amadeus, Sabre) zeigen neue Zuschläge nach 2–3 Tagen. Passagiere buchen mit Verzögerung. Kleine Airlines können schneller anpassen, große sind träge.
Asymmetrie: Nach unten (Brent fällt): Zuschlag bleibt oft 1–2 Wochen konstant (Airline genießt höhere Marge). Nach oben (Brent steigt): Zuschlag wird oft ÜBERTRIEBEN erhöht (Airline scheut Kapitalverluste bei Hedge-Rollen). Folge: Passagiere zahlen volatilere Zuschläge als die Rohöl-Preise selbst.
Was ein Ölschock für deine Flüge kostet
Szenario: Brent 90 → 120 USD (+33%, wie 2022).
- Kerosin pro Liter: +0,22 EUR.
- Airline hedget 60%: effektive Kosten +0,088 EUR/L.
- 100 Liter pro Flug: +8,80 EUR Kosten-Steigerung.
- Ticket-Zuschlag erhöht sich von 70 EUR auf 80 EUR (+14%), aber Airline markiert +12 EUR.
- In 6 Wochen: +16 EUR (80% Pass-through).
- Ein einzelner Passagier zahlt also +5–10 EUR extra pro Flugbuchung (abhängig Routing, Hedging-Status Airline).
Jahrliche Impact (wenn shock 3 Monate anhält): Passagier bucht 4 Flüge/Jahr: +20–40 EUR extra Flugkosten. Bei 100M Passagieren in Europa: +2–4 Mrd. EUR Gesamtkostenübertragung in 6 Monaten.
Konsequenz: Ticketing-Timing und Preissicherung
- Ölpreis-Monitore vor Buchung: Wenn Brent gerade gestiegen ist und Zuschlag noch alt, BUCHEN schnell (du zahlst zukünftige-Kerosin-Rate, aber ticket-preis holt erst in Wochen nach).
- Zuschlag-Trends lesen: Wenn Zuschlag schnell steigt, ist es ein Signal: Ölpreis springt GERADE, Airline hinkt hinterher. Ticket-Preise werden in 1–2 Wochen noch höher. Also: JETZT BUCHEN, nicht nächste Woche.
- Multi-City-Routing prüfen: Verschiedene Airlines hedgen unterschiedlich. Lufthansa (gut gehedgt) könnte stabilere Zuschläge haben als eine irische Discount-Airline (schlecht gehedgt). Vergleichen spart 5–15 EUR pro Flug bei volatilen Märkten.
- Preisschutz-Optionen: Manche Portale (Skyscanner, Kayak) zeigen "Price Alerts". Setze einen Alert auf deinen Flug, wenn Zuschlag sinkt, buche um (wenn Lufthansa +3% billiger geworden, new booking).