Montag, 10 Uhr: Der Brent-Preis springt von 85 auf 95 USD. Sofort sehen das Händler, Spekulanten und Raffinerie-Manager. Brent-Futures steigen, Nachrichten-Agenturen berichten. Aber was passiert bei dir zu Hause?
Montag, 11 Uhr: Raffinerie-Manager in Rotterdam berechnen ihre Eingriffskosten neu. Heizöl-Input-Preis steigt. Montag, 15 Uhr: Großhändler notieren neue Preise (teilweise, nicht 1:1). Dienstag–Freitag: Lokale Heizöl-Anbieter aktualisieren ihre Angebote, zuerst die großen Volumen-Kunden, dann die Privatkunden. Erste Woche: Starke Haushalte kriegen die Nachricht. Woche 2–4: Breitere Kundenbasis sieht neue Preise. Woche 5–6: Die Quote des langsamen Handels (Heizöl auf Abruf, Langzeit-Verträge) zeigt die volle Anpassung.
Das ist der Pass-through-Effekt: nicht Blitz, sondern Kaskade.
Definition: Der Weg vom Rohöl zur Heizrechnung
Pass-through bedeutet die Weitergabe von Kosten von einer Marktstufe zur nächsten:
- Stufe 1 – Rohöl (Brent): Weltmarktpreis, ändert sich Sekunde für Sekunde.
- Stufe 2 – Raffinerie-Input: Brent + Transport + Lagerhaltung = Raffinerie-Einkaufspreis. Verzögerung: 1–3 Tage.
- Stufe 3 – Heizöl-Großhandel: Raffinerie-Output wird zu Großhandels-Preisen (Basis Rotterdam). Verzögerung: 3–7 Tage kumulativ.
- Stufe 4 – Lokal-Angebot: Heizöl-Lieferant notiert im System. Verzögerung: 1–2 Wochen kumulativ.
- Stufe 5 – Haushalt-Rechnung: Dein nächster Tankrequest wird mit aktuellem Preis berechnet. Verzögerung: 4–6 Wochen vollständig.
Diese Kaskade ist der Pass-through-Pfad. Nicht linear, sondern mit Reibungsverlusten durch Margen, Logistik und Risiko-Prämien.
Messung des Pass-through: Historische Korrelationen
Ökonomen messen Pass-through durch Korrelation und Regression:
Brent → Heizölpreis (Deutschland):
- Langfristige Korrelation: 0,88–0,92 (nahezu 1:1)
- Pass-through Quote: 85–95 Prozent (5–15 Prozent gehen in Margen)
- Lag-Zeit: median 4–6 Wochen, max. 8 Wochen bei Extremen
- Beispiel: Brent +20 USD → Heizöl +0,18–0,20 EUR/L (nach 6 Wochen)
Brent → Sprit (Diesel/Benzin):
- Korrelation: 0,75–0,85 (niedrig als Heizöl, weil Steuern+Marge höher)
- Pass-through Quote: 55–75 Prozent
- Lag-Zeit: schneller, 5–10 Tage durchschnittlich
Brent → Lebensmittel (indirekt über Dünger+Logistik):
- Korrelation: 0,4–0,6 (schwächer, mehrere Stufen dazwischen)
- Pass-through Quote: 20–40 Prozent
- Lag-Zeit: 3–6 Monate (sehr lang)
Wie der Pass-through funktioniert, Die Kaskade
Pass-through ist nicht automatisch. Vier Kräfte spielen rein:
1. Margen-Druck. Wenn Rohöl kostspielig wird, drücken Raffineure und Händler oft bewusst auf Margen, um Kundenverluste zu vermeiden. Ein Brent-Anstieg um 10 USD führt daher nicht zu exakt 0,10 EUR/L Heizöl-Steigerung, sondern 0,08–0,09 EUR/L (2–20% Margin-Absorb).
2. Lagerbestände. Große Heizöl-Händler halten Puffer-Bestände. Wenn Brent steigt, verkaufen sie zunächst aus Lager (billig gekauft) und ordnen dann teuer nach. Das verlangsamt den Pass-through um Wochen.
3. Wettbewerb. In konzentrierten Märkten (Deutschland: 3–4 große Lieferanten) gibt es Preis-Signale. In diffusen Märkten (>50 kleine Anbieter) ist Pass-through langsamer, weil Info-Asymmetrien höher sind.
4. Kunde-Vertrag-Mix. Haushalte mit Abruf-Verträgen (Preis täglich aktuell) sehen sofort Änderungen. Verträge mit Preis-Festschreibung über Monate zeigen Verzögerung. Der Markt-Durchschnitt ist Mischung aus beiden.
Was der Pass-through für deine Geldbörse bedeutet
Szenario 1: Moderater Schock (Brent 85 → 105 USD = +20 USD).
- Woche 0 (Tag 0): Brent springt. Du merkst nichts.
- Woche 1: Raffinerie-Preise steigen. Großhändler notieren höher. Dein Anbieter sieht's in der Preis-Liste, tut aber nichts noch (interne Quote nicht neu kalkuliert).
- Woche 2–3: Erste Heizöl-Neuangebote mit höherem Preis (+0,12 EUR/L, about 60% Pass-through).
- Woche 4–6: Mainstream. Deine Heizrechnung wird mit neuem Preis berechnet (+0,18–0,20 EUR/L, 90% Pass-through).
- Finaler Impact: 3.000 L Heizöl × 0,18 EUR/L = 540 EUR extra im Monat (abhängig Verbrauch).
Szenario 2: Schneller Fall (Brent 100 → 70 USD = −30 USD, wie 2020).
- Woche 0: Brent fällt. Erwartung: billiger. Lieferanten ZÖGERN, Preise zu senken (halten Margen).
- Woche 2–4: Langsame Preissenkungen, aber oft nur 50–70% des Falls. Großkunden kriegen's zuerst.
- Woche 6+: Preis-Starre. Viele Anbieter halten hohe Preise länger als berechtigt (asymmetrischer Pass-through = Preisklebrig-keit).
- Ergebnis: Privatkunden profitieren weniger von Preisfällen als sie von Preisanstiegen leiden.
Konsequenz: Pass-through-Lag nutzen für Timing
- Brent-Sprung monitoren: Wenn Brent innerhalb von 1–2 Tagen um 10+ USD steigt und du keinen Heizöl-Antrag gestellt hast, SOFORT bestellen. Du profitierst vom Lag: dein Angebot ist noch zu den alten Preisen verbindlich, aber der Liefertermin in 2 Wochen zeigt teilweise neue Kosten.
- Brent-Fall optimal nutzen: Wenn Brent fällt, WARTEN. Pass-through nach unten ist langsam und asymmetrisch. Nach 4–6 Wochen sinkender Preise bestellen.
- Volatilitäts-Hängigkeit: In volatilen Zeiten (Hormuzkrise, OPEC-Meeting Ungewissheit) ist der Pass-through LAG größer, weil Lieferanten Risiko-Margen höher ansetzen.
- Dezentrale Anbieter-Wahl: Online-Anbieter (wie Heizöl.de, Mineraloel.de) aktualisieren Preise schneller als Großhändler-gekoppelte lokale Anbieter. Für Timing vorteilhaft: du sieht den kommenden Preis früher.